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Natalia Sedowa Trotzki: Bruch mit der 4. Internationale

1951

(Der folgende Text ist ein Brief, den Natalja Trotzki 1951 an die Führung der Vierten Internationale und die Führung der Socialist Workers Party (SWP) schrieb, in dem sie jede politische Verbin­dung mit diesen Organisationen abbrach. Der Brief wurde zuerst in der amerikanischen Presse veröffentlicht.)

An das Exekutivkomitee der Vierten Internationale
An das Politische Komitee der SWP (USA)

Genossen,

ihr wißt genau, daß ich mit Euch in den letzten fünf oder sechs Jahren seit dem Ende des Krieges und schon vorher nicht überein­gestimmt habe. Die Haltung, die Ihr zu den wichtigen Fragen der jüngsten Zeit eingenommen habt, zeigt mir, daß Ihr auf Euren poli­tischen Irrtümern besteht und sie vertieft, anstatt sie zu korrigieren. Auf Eurem Weg habt Ihr den Punkt erreicht, wo ich nicht länger schweigen oder mich auf private Proteste beschränken kann. Ich muß meine Auffassung öffentlich darlegen.

Der Bruch, zu dem ich mich genötigt sehe, ist für mich schwer­wiegend und schwierig, und ich kann ihn nur ernstlich bedauern. Aber es gibt keinen anderen Weg. Nach langen Überlegungen und Zögern über eine Frage, die mir außerordentliche Sorgen bereitet, muß ich Euch sagen, daß ich keinen anderen Weg sehe als den, öf­fentlich zu erklären, daß unsere Meinungsverschiedenheiten es mir unmöglich machen, noch länger in Euren Reihen zu bleiben.

Die Gründe für diesen meinen letzten Schritt sind den meisten von Euch bekannt. Ich wiederhole sie hier kurz nur für diejenigen, denen sie nicht vertraut sind und berühre nur die Differenzen von grundlegender Bedeutung und nicht die Differenzen um Fragen der Tagespolitik, die sich auf diese grundlegenden Differenzen bezie­hen oder aus ihnen folgen.

Von alten und überlebten Formeln besessen fahrt Ihr fort, den stalinistischen Staat als einen Arbeiterstaat zu bezeichnen. Ich kann und werde Euch darin nicht folgen.

Im Grunde genommen hat L.D.Trotzki in jedem Jahr seines Kampfes gegen die usurpartorische stalinistische Bürokratie wie­derholt, daß dieses Regime sich unter den Bedingungen einer ver­zögerten Weltrevolution und der Eroberung aller politische Posi­tion durch die Bürokratie nach Rechts entwickelt. Wieder und wie­der hat er darauf hingewiesen, wie die Festigung des Stalinismus in Rußland zur Verschlechterung der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Lage der Arbeiterklasse und zum Triumph einer tyranni­schen und privilegierten Bürokratie führte. Wenn diese Entwick­lung anhält, sagte er, wird es mit der Revolution zu Ende und die Restauration des Kapitalismus erreicht sein.

Dies ist es, was sich unglücklicherweise ereignet hat, wenn auch in neuen und unerwarteten Formen. Es gibt kaum ein Land in der Welt, wo die ursprünglichen Ideen des Sozialismus und ihre Ver­treter so barbarisch gehetzt werden. Es sollte jedermann klar sein, daß die Revolution durch den Stalinismus vollständig zerschlagen wurde. Ihr jedoch fahrt fort zu behaupten, daß Rußland unter die­sem unaussprechlichen Regime immer noch ein Arbeiterstaat ist. Ich sehe darin einen Angriff auf den Sozialismus. Stalinismus und der stalinistische Staat haben nicht das Geringste gemeinsam mit einem Arbeiterstaat oder mit Sozialismus. Sie sind die schlimmsten und die gefährlichsten Feinde des Sozialismus und der Arbeiter­klasse.

Ihr haltet daran fest, daß die Staaten Osteuropas, über die der Stalinismus während und nach dem Krieg seine Vorherrschaft er­richtet hat, ebenfalls Arbeiterstaaten sind. Das ist das Gleiche wie zu sagen, der Stalinismus hat eine revolutionäre sozialistische Auf­gabe durchgeführt. Ich kann und will Euch darin nicht folgen.
Nach dem Krieg, ja bevor er endete, entwickelte sich in diesen osteuropäischen Ländern eine revolutionäre Massenbewegung. Aber es waren nicht die Massen, die die Macht gewannen, und es waren keine Arbeiterstaaten, die durch ihren Kampf errichtet wur­den. Die stalinistische Konterrevolution gewann die Macht und in­dem sie die arbeitenden Massen, ihre revolutionären Kämpfe und ihre revolutionären Ziele strangulierte, machte sie diese Länder zu Vasallen des Kremls.

Indem Ihr der Meinung seid, die stalinistische Bürokratie habe in diesen Ländern Arbeiterstaaten errichtet, schreibt Ihr der stalinisti­schen Bürokratie eine fortschrittliche und sogar revolutionäre Rolle zu. Indem Ihr diese monströse Lüge gegenüber der Vorhut der Ar­beiter propagiert, leugnet Ihr alle entscheidenden Gründe für das Bestehen der Vierten Internationale als einer Weltpartei der sozia­listischen Revolution. In der Vergangenheit waren wir immer der Ansicht, daß der Stalinismus eine konterrevolutionäre Kraft ist, im vollen Sinn dieses Begriffes. Ihr sagt das nicht mehr. Aber ich werde weiterhin darauf bestehen.

1932 und 1933 erklärten die Stalinisten, um ihre schamlose Ka­pitulation vor Hitler zu rechtfertigen, daß es nicht viel ausmachen würde, wenn die Faschisten an die Macht kämen, weil der Sozia­lismus nach und durch die Herrschaft des Faschismus kommen würde. Nur unmenschliche Scheusale ohne die Spur sozialistischen Denkens oder Geistes haben auf diese Weise argumentieren kön­nen. Nun, ungeachtet der revolutionären Ziele, die Euch bewegen, haltet Ihr daran fest, daß die despotische stalinistische Reaktion, die in Europa triumphiert hat, einer der Wege ist, mit denen man viel­leicht zum Sozialismus kommt. Diese Sicht bezeichnet einen un­heilbaren Bruch mit den tiefsten Überzeugungen, an denen unsere Bewegung immer festgehalten hat und die ich weiter teilen werde.
Ich sehe mich außerstande, Euch in der Frage des Titoistischen Regimes in Jugoslawien zu folgen. Die ganze Sympathie, die ganze Unterstützung von Revolutionären und selbst aller Demo­kraten sollte dem jugoslawischen Volk zu Gute kommen, das ent­schieden den Anstrengungen Moskaus Widerstand leistet, es und sein Land in ein Lehen zu verwandeln. Die Zugeständnisse, die das jugoslawische Regime jetzt gezwungen ist, dem Volk zu machen, müssen voll ausgenützt werden. Doch Eure ganze Presse widmet sich einer unentschuldbaren Idealisierung der Titoististischen Bü­rokratie, für die es keinen Grund in der Tradition und den Prinzi­pien unserer Bewegung gibt.

Diese Bürokratie ist nur eine Kopie der alten stalinistischen Bü­rokratie in neuer Form. Sie wurde erzogen in den Ideen, der Politik und der Moral der GPU (Stalins Geheimpolizei). Ihre Herrschaft unterscheidet sich von Stalins Herrschaft in keinem grundlegenden Gesichtspunkt. Es ist absurd zu glauben oder zu lehren, daß sich aus dieser Bürokratie heraus eine revolutionäre Führung des ju­goslawischen Volkes entwickeln wird, oder daß sie in einer ande­ren Weise entstehen kann als im Kampf gegen diese Bürokratie.

Am allerwenigsten zu unterstützen ist Eure Haltung zum Krieg. Der Dritte Weltkrieg, der die Menschheit bedroht, stellt die revolu­tionäre Bewegung vor die schwierigsten Probleme, die verwi­ckeltsten Situationen, die schwerwiegendsten Entscheidungen. Un­sere Position kann nur nach der ernsthaftesten und freiesten Dis­kussion bezogen werden. Aber angesichts aller Ereignisse der jüngst vergangenen Jahre macht Ihr Euch weiter zum Anwalt der Verteidigung des stalinistischen Staates und verpfändet die ganze Bewegung. Selbst heute noch unterstützt Ihr die Armeen des Stali­nismus in dem Krieg, den das gequälte koreanische Volk erdul­det. Ich kann und will Euch darin nicht folgen.

Vor langer Zeit, 1927, erklärte Trotzki als Antwort auf eine ver­räterische Frage Stalins im Politbüro seine Ansichten wie folgt: »Für das sozialistische Vaterland, ja! Für das stalinistische Re­gime, nein!« Das war 1927. Heute, 23 Jahre später, hat Stalin vom sozialistischen Vaterland nichts übrig gelassen. Es ist ersetzt wor­den durch die Versklavung und Erniedrigung des Volkes durch die stalinistische Selbstherrschaft. Das ist der Staat, den Ihr empfehlt, im Krieg zu verteidigen, den Ihr schon in Korea verteidigt.

Ich weiß sehr gut, wie oft Ihr wiederholt, daß ihr den Stalinismus kritisiert und ihn bekämpft. Aber die Tatsache ist, daß Eure Kritik und Euer Kampf ihren Wert verlieren und zu keinem Ergebnis kommen können, weil sie von Eurer Position der Verteidigung  des stalinistischen Staates bestimmt werden und ihr untergeordnet sind.
Wer immer dieses Regime barbarischer Unterdrückung verteidigt, egal mit welchen Motiven, gibt die Prinzipien des Sozialismus und Internationalismus preis.

In der Nachricht, die mir von der jüngsten Tagung der SWP ge­schickt wurde, schreibt Ihr, daß Trotzkis Ideen Euer Wegweiser bleiben. Ich muß Euch sagen, ich lese diese Worte mit großer Bit­terkeit. Wie Ihr aus dem oben Geschriebenen sehen könnt, sehe ich nicht seine Ideen in Eurer Politik. Ich habe Vertrauen in seine Ideen. Ich bleibe überzeugt, daß der einzige Weg aus der gegen­wärtigen Lage die soziale Revolution ist, die Selbstbefreiung des Weltproletariats.

Natalja Sedowa Trotzki,                                            Mexiko, D.F., 9. 51


  1. Die Socialist Workers Party ist die Sektion der Vierten Internationale in den USA
  1. 1948 kam es zum Bruch zwischen Stalin und Tito. Tito war nicht länger bereit, die Entwicklung der jugoslawischen Wirtschaft den Bedürfnissen der russischen Wirtschaft unterzuordnen. Tito und die jugoslawische KP wurden deshalb wegen "antisowjetischer" und "nationalistischer" Haltung aus der Kominform ausgeschlossen.
  1. Mit Beendigung des 2. Weltkriegs entstanden in Korea zwei Staaten, die von Marionettenregimes der USA im Süden und der UdSSR im Norden beherrscht wurden. 1950 kam es zum offenen Krieg in Korea. Die nordkoreanischen Truppen scheinen als erste in den Süden einmarschiert zu sein, allerdings nach einer Reihe scharfer Provokationen des Südens. Die USA versuchte ganz Korea zu erobern. Ihr Ziel war die vollständige Kontrolle über die Küsten des Pazifischen Ozeans, den sie seit dem 2. Weltkrieg kontrollierte. Besonders dringend erschien diese Absicherung nach dem Sieg der chinesischen Revolution. Das Ziel der UdSSR war ebenfalls eine Kontrolle Koreas, um die Hegemonie der USA über Japan zu verhindern und die östliche Flanke der UdSSR abzusichern. Die UdSSR griff selbst nicht militärisch in den Konflikt ein - sie schickte die Chinesen für sich auf das koreanische Schlachtfeld. Daß dieser Krieg nur ein Krieg zwischen den beiden Großmächten war, auf dem Boden Koreas und unter unendlichem Leid der koreanischen Bevölkerung, zeigt der Friedensschluß 1953. Sofort nachdem sich die USA und die UdSSR geeinigt hatten, war der Krieg beendet.

Norbert Nelte
Internationale Sozialisten

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