Kann der Kapitalismus von sich aus sterben?

Norbert Nelte - 29.10.2014 - Theorie

Nach sieben Jahren ununterbrochener Krise stellen sich diese Frage heute die meisten Menschen. Einige Unbedarfte reden sich trotz Bankenkrise, Schuldendilemma der Staaten, ausbleibendem Wachstum und zunehmender Kriege unverdrossen ein, dass es wieder aufwärts gehen wird. Seltsamerweise befinden sich darunter gerade viele sich Marxisten nennende Linke, in einer Zeit, wo schon manche vom Kapitalismus überzeugte Analytiker sich fragen, ob die Linken nicht doch recht gehabt haben?

Aber die meisten Menschen sehen den Zusammenbruch des Systems, dass die Hälfte der Jugendlichen nur noch prekäre Arbeitsplätze haben, die Kaufkraft ihres Lohnes immer mehr abnimmt, immer mehr Rentner zu Flachensammlern mutieren, die Kriege zunehmen, die Schlaglöcher in ihrer Straße und die mit Brettern vernagelten Läden. Nur, da ihnen der Sozialismus als Alternative durch die Konterrevolution Stalins und seine Tarnung als Sozialist gründlich ausgetrieben wurde, fragen sie sich, wo wird das noch alles enden und zucken nur angewidert mit den Schultern.

Ein Leser meines Artikels, in dem ich das Platzen der chinesischen Immobilienkrise als die Eröffnung der 3. und letzten Runde bei den Todeszuckungen des Kapitalismus beschrieb, schrieb mir in einem Leserbrief voller Entrüstung, dass „festgehalten werden muss, dass der Kapitalismus nicht zusammenbrechen kann und wird. Er muss durch die Arbeiterklasse gestürzt und durch eine sozialistische Gesellschaft ersetzt werden“ Nun, wo er eine solche Aussage bei Marx gefunden hat, ist mir absolut schleierhaft.

Karl Marx stellte seine gesamte Theorie auf drei Säulen: Die Philosophie, den Klassenkampf und eben die Ökonomie und als Marxist muss man auf allen drei Gebieten bewandert sein, will man die Logik des ganzen Systems verstehen und daraus Handlungsanleitungen entwickeln.

Schon im Manifest der Kommunistischen Partei schreiben Karl Marx und Friedrich Engels   (S 9): „Wodurch überwindet die Bourgeoisie die [Überproduktions]-Krisen? Einerseits durch die erzwungene Vernichtung einer Masse von Produktivkräften; anderseits durch die Eroberung neuer Märkte und die gründlichere Ausbeutung alter Märkte." Das heißt im Umkehrschluss ganz klar, wenn es keine neuen sowohl ausländische als auch inländische Märkt mehr gibt, und damit haben wir es heute zu tun, ist die derzeitige Überproduktionskrise nicht mehr zu überwinden.

Im Kapital im 3. Band, zeigt Marx am Gesetz des „tendenziellren Falls der Profitrate, wie das belebende Feuer der Produktion erlischt. (DRITTER ABSCHNITT, Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate, Fünfzehntes Kapitel. Entfaltung der innern Widersprüche des Gesetzes, I. Allgemeines) »Die Profitrate, d.h. der verhältnismäßige Kapitalzuwachs ist vor allem wichtig für alle neuen, sich selbständig gruppierenden Kapitalableger. Und sobald die Kapitalbildung ausschließlich in die Hände einiger wenigen, fertigen Großkapitale fiele, für die die Masse des Profits die Rate aufwiegt, wäre überhaupt das belebende Feuer der Produktion erloschen. Sie würde einschlummern.« (Karl Marx, "Das Kapital," 3. Band, Seite 269).

Er spricht also von einem Ende mit langsame einschlummern. Nun erleben wir das Ende der Marktwirtschaft mit dem „freien“ Markt als einen Reihe von Katastrophen, eine schlimmer als die nächste. 50% Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa, 50% der Jugendlichen bei uns haben nur einen prekären Arbeitsplatz, Überschuldung aller Staaten weltweit, Zwangsräumungen von Millionen Familien in den USA, Zunahme der Kriege, Verelendung in Griechenland usw. Man kann also nicht von einem langsamen einschlummern reden.

Und in der Tat redet Rosa Luxemburg von Katastrophen und Todeszuckungen. Leider wurde in der Linken ihre ökonomische Analyse als falsch angesehen, aber heute zeigt sich für manche ganz schmerzlich, dass sie recht hatte und Marx in dieser Sache fehl ging. Sie zeigt uns auch, an welcher Stelle der Irrtum von Marx lag, wo er einen kleinen, damals unbedeutenden Widerspruch zu seiner ansonsten genialen Theorie hatte. Aber für uns heute ist das ein überaus wichtiger Widerspruch.

Deshalb muss ich den geneigten Leser um seine Aufmerksamkeit und Geduld bitten. Im 21. Kapitel über die Akkumulation und erweiterte Reproduktion rechnet Marx die Produktion im Produktionsmittelsektor I. und Konsumsektor II. anhand eines abstrahierten Modells mit der Rekapitalisierung des Mehrwertes über vier Jahre durch.

B) Ausgangsschema für Reproduktion* auf erweiterter Stufenleiter


I.

4.000c +

1.000v +

1.000m =

6.000

} Summa = 9.000

II.

1.500c +

750v +

750m =

3.000

Nun abstrahiert er in den Folgejahren das Modell so stark, dass er über alle vier Jahre das Verhältnis vom konstantem Kapital c zu Lohn immer gleich lässt mit 100 zu 25% im Sektor l. und 100 zu 50% im Sektor II. Auch ihm war aber klar, dass der Maschinenanteil c in den Waren immer mehr zunimmt und der Lohn v immer mehr abnimmt. So kommt er auch in allen Jahren auf einen Mehrwert von 20% im Sektor I und 33,3% im Sektor II, was natürlich ein totaler Widerspruch bedeutet zu seiner wirklich starken Theorie des tendenziellen Falls der Profitrate.´

Zur besseren Übersichtlichkeit habe ich alle Schemas in einer Excel-Tabelle dargestellt.
Er kommt dann aus dem falsch abstrahierten Schema zum falschen Schluss, dass der Überschuss immer im Konsumsektor auftritt und nicht im Produktionsmittelsektor. Zum Schluss hat er noch dazu mit einem Trick gearbeitet, weil auch mit seinem Schema (Tabelle 1) unterschiedliche Ergebnisse herauskommt.

Im Produktionsmittelsektor hat  er einfach den Kapitalist der Maschinenbauindustrie bis 80% für den Selbstverzehr entnehmen lassen und im Konsumsektor den Marmeladenfabrikanten nur 50%  Klar, so kann ich mir auch jedes gewünschte Ergebnis zurechtfummeln. Ich denke, das waren nur ungeprüfte Notizen, woraus bei der anstrengenden Fleißarbeit von Engels ihm schnell diese Unachtsamkeit unterlaufen konnte.

Rosa Luxemburg verändert dann in ihrem Buch „Die Akkumulation des Kapitals“ das Schema (Tabelle 2) das Verhältnis der einzelnen Sektoren zueinander, aber auch nicht merklich, von 3,5 im 1. Jahr zu 3,42 im 4. Jahr. Das war die richtige Überlegung, nur, sie hätte auch das Verhältnis zwischen c und v ändern müssen. So gibt es rechnerisch auch bei ihrem Schema beide Möglichkeiten für den Überschuss. Sie ging nur von der richtigen Überlegung aus, dass der Maschinenanteil in den Waren immer größer wird und der Lohnanteil immer kleiner. Die Arbeiter werden entlassen und im Konsumsektor entsteht der Überschuss. Nur, sie konnte das nicht sauber rechnerisch nachweisen, und deshalb glaubt man Marx mit dem langsamen einschlummern.

Ich hatte dann das Schema (Tabelle 3) von Rosa Luxemburg sowohl das Verhältnis der einzelnen Sektoren zueinander und auch das Verhältnis zwischen c und v geändert und siehe da, auch ist es nun rechnerisch bewiesen, dass der Überschuss immer, solange es aufwärts geht, im Konsumsektor auftritt. Also hatte Marx in dieser Sache doch unrecht gehabt und die ungeprüfte Notiz hätte es nicht in das Buch schaffen dürfen.

Rosa Luxemburg hatte aus ihrer Feststellung dann im Gegensatz zu Marx mit seinem “Einschlummern“ und aus den Überlegungen der Akkumulation des Kapitals dann den Schluss gezogen:

»Je gewalttätiger das Kapital vermittelst des Militarismus draußen in der Welt wie bei sich daheim mit der Existenz nichtkapitalistischer Schichten aufräumt und die Existenzbedingungen aller arbeitenden Schichten herabdrückt, um so mehr verwandelt sich die Tagesgeschichte der Kapitalakkumulation auf der Weltbühne in eine fortlaufende Kette politischer und sozialer Katastrophen und Konvulsionen, die zusammen mit den periodischen wirtschaftlichen Katastrophen in Gestalt der Krisen die Fortsetzung der Akkumulation zur Unmöglichkeit, die Rebellion der internationalen Arbeiterklasse gegen die Kapitalsherrschaft zur Notwendigkeit machen werden, selbst ehe sie noch ökonomisch auf ihre natürliche selbst geschaffene Schranke gestoßen ist
(Rosa Luxemburg: „Die Akkumulation des Kapitals ”, 32. Kapitel, Der Militarismus auf dem Gebiet der Kapitalakkumulation, S 410)

»Der Imperialismus ist ebenso sehr eine geschichtliche Methode der Existenzverlängerung des Kapitals, wie das sicherste Mittel, dessen Existenz auf kürzestem Wege objektiv ein Ziel zu setzen. Damit ist nicht gesagt, dass dieser Endpunkt pedantisch erreicht werden muss. Schon die Tendenz zu diesem Endziel der kapitalistischen Entwicklung äußert sich in Formen, die die Schlussphase des Kapitalismus zu einer Periode der Katastrophen gestalten.«. (Rosa Luxemburg: „ Antikritik”, S. 361)

„Der Kapitalismus müsse in Todeszuckungen geraten, längst bevor die ihm immanente Tendenz auf Erweiterung des Marktes auf die objektive Schranke gestoßen sei« (aus Paul Frölich; "Rosa Luxemburg, Gedanke und Tat", Frankfurt 1967, S. 198)

Nur in dem Moment, wo es mit der Konjunktur abwärts geht und die Investitionen weltweit schneller fallen als die Löhne, und das war 1978 auf Grund der Lehman-Pleite der Fall, treten die Überschüsse im Produktionsmittelsektor auf. Das brisante an dieser Theorie ist, dass sie im Gegenteil zum normalen Überschuss im Konsumsektor, der tatsächlich noch in den Produktionsmittelsektor übertragen werden kann, nun nicht mehr in den Konsumsektor übertragen werden kann. Die Wirtschaft fährt dann wie gegen die Wand.

In der Tat ist dann 2009 die Wirtschaft um fast 5% gesunken, in vielen Ländern. Damals konnte China noch mit Riesen Konjunkturprogrammen die Welt aus dem Sumpf holen. Beim nächsten Crash, und der wird bald kommen, wird China nicht mehr helfen können, denn China hat es dann selber mit der eigenen Immobilienkrise zu tun. 70 Millionen Wohnungen stehen leer und seit Juni 2014 fällt der Immobilienpreis um 1% pro Monat. Im April 2015 sind 10% erreicht, und das war der Betrag, wo bei der Lehman-Pleite, die Häuser bei den Banken nicht mehr zur Deckung genügen.

Dann im nächsten Frühling werden nicht nur die Bäume blühen, sondern auch die chinesische Blase platzen und alle Blasen der Welt. Vielleicht platzt auch die Banken-Blase früher oder hier „Faule Kredite - Rückkehr der Finanzkrise: Blase bei Autokrediten droht zu platzen 7.10.14. Jedenfalls wird es den Dominoeffekt geben und dann wird es für die Weltwirtschaf kein Halten mehr geben. Die Industrieproduktion fällt dann weltweit in einigen Jahrzehnten bis auf Null, es lohnt sich einfach nicht mehr, die Produktion, keine Rendite mehr. Insofern stimmt meine Analyse überein mit der im obigen Bild des MIT-Zukunftsforschungsinstitutes der Universität in Cambridge in Michigan

Der Höhepunkt der Kapitalzusammensetzung ist schon erreicht und wenn im Kapitalismus nichts mehr zu ratioalinisieren gibt, dann ist halt Schluss mit der freien Markteitschaft.

Konkret sieht das so aus, dass immer weniger Kapitalisten auf Grund des Durchschnittsgewinns von Null produzieren mögen. Und sollte sich doch einer einmal aufmachen, ist sofort der nächste Kapitalist da, und produziert seine Ware billiger mit Kindern aus Bangladesch.

In Griechenland sind wir heute schon bei den Lebensverhältnissen von Vietnam angekommen. „90% aller US-Amerikaner sind heute ärmer als 1987“. Über eine Millionen leben in Zelt-Städten oder der Kanalisation. Von China beikommt Amerika die Waschmaschinen und Fernseher geliefert und liefert dafür Alteisen und Altpapier zurück. Die einzige Industrie, die noch brummt ist die Waffenindustrie. Soros gegen Putin - Krieg als Geschäft: US-Spekulanten warnen vor Frieden in der Ukraine. Jetzt will Putin Frieden machen, „sollen doch die blöden Europäer die Ukraine bezahlen“, denkt er sich zurecht.

Deshalb baut sich Amerika einen passenden neuen Feind auf wie die Taliban oder jetzt die ISIS. Tschetschenen-Präsident über ISIS-Führer: "Al-Baghdadi ist ein CIA ... - Ehemaliger CIA-Auftragnehmer ber ISIS: "Komplett erfundener ...  - Irakische Politiker: Der Islamische Staat ist eine Erfindung der CIA - Hunderte US-Soldaten und CIA-Agenten in den Rängen von ISISDer "Islamische Staat" (ISIS) wurde von Mossad, CIA und MI6 gegründet - Edward Snowden sagt aus: ISIS ist eine Schöpfung von CIA und Mossad, Abu Bakr vom Westen ausgebildet - Snowdon: Der Chef von ISIS  Bagdadi wurde vom Mossad asgebildet

Also wir sehen, die ISIS sind die amerikanische Armee und ist nur ein Schauspiel aus dem Disneyland gleich hinter Schneewitchen und die 7 Zwege, da kommt das Dschihad Wunderland mit den 72 Jungfrauen und dem täglichem Scheck über 100 Dollar.



Also der Kapitalismus versinkt jetzt schon voll im Sumpf, wie soll das erst nach dem nächsten Crash aussehen? Das Bruttoinlandsprodukt fällt ab 2015 jedes Jahr weltweit um 3%, die Staaten werden eich auflösen und das Militär geht an Esso und Shell. Das hat alles schon angefangen. Im Irak haben zum Schluss 50.000 Securitys gekämpft. Heute noch sind welche da. Blackwater-Gründer: USA sollen Krieg gegen IS privatisieren. Ich glaube, der blickt nicht durch. Die Industriestaaten werden sich langsam in Agrarstaaten verwandeln.

Es gab hier in Deutschland eine Betriebsverlagerung der AEG nach Polen. Die Kollegen haben das hingenommen, da sie hier noch einigermaßen abgesichert waren und noch Hoffnung auf neue Arbeitsplätze hatten. Nicht so in Argentinien. Hier kämpften schon 2001 hunderttausende Kollegen gegen den neoliberalen Kurs des Präsidenten de la Rua. Schon vorher wurden 2/3 der Bevölkerung in die Verarmung getrieben. Aber beim dritten Präsidenten de la Rua hatten die Arbeitermassen die Schnauze voll gehabt und mit Hunderttausenden sein Präsidentenpalast belagert. 39 Kollegen wurden dabei erschossen, aber all das nutzte den Reichen nichts und de la Rua musste mit einem Hubschrauber   aus dem Präsidentenpalast fliehen.

In der Folge wurden einige Interimspräsidenten eingesetzt, bei denen dann massenhaft Kapitalisten dann ins Ausland abgehauen sind. Den Kollegen blieb nichts anderes übrig, wollten sie ihren Arbeitsplatz und ihr Einkommen behalten, als ihren Betrieb zu besetzen. In einer Werft ohne Boss haben die Kollegen ein Jahr ohne Lohn sogar gearbeitet, aber inzwischen sind schon viele Betriebe ohne Boss legal anerkannt.

200 Betriebe wurden 2001 besetzt. Bei der Lehman Brother Krise 2008 kamen noch einmal 100 dazu und seit geraumer Zeit wieder einige. Bei Fasinpat (ehem. Zanon) mit 200 Besetzern stellten sie sogar noch 270 Kollegen dazu ein. Bei en letzten Wahlen hat die Liste, die die kämpfenden Arbeiter 1.200.000 Stimmen bzw. 5% erhalten. Nach dem nächsten Crash wird diese Bewegung geradezu explodieren, in ganz Lateinamerika, denn Betriebe ohne Boss gibt es dort 450 in Argentinien, Brasilien, Uruguay, Bolivien und Mexiko.

Karl Marx sah in der selbstständigen Organisation der Produktion durch die Arbeiter in Genossenschaften einen ersten Schritt zum Kommunismus. Dieser 1. Schritt ist auch schon in Griechenland, Italien, Spanien und der USA getan. Der 2. Schritt wäre die Preis- und Mietkontrollen der Sprecherräte der Zusammenschlüsse. Das ist zum Teil schon in manchen Ländern geschehen, z.B. die Mietkontrollen in Spanien durch PAH. Die Sprecher übernehmen immer mehr staatliche Aufgaben, bis sie am Ende des Jahrzehnts etwa die Doppelherrschaft mit den bürgerlichen Parlamenten teilen.

Die bürgerlichen Parlamente werden am Schluss so hoffnungslos desorientiert sein, das es am Anfang der 20er Jahre ein leichtes sein wird, die ganze Kontrolle zu übernehmen. Die deutschen Arbeiter werden das leider erst am Schluss kapieren, aber dann, wie Trotzky sagt, richtig.

Norbert Nelte
Verfolge den Wirtschaftzusammenbruch mit Fahrplan mit dem Digitalen Wegweiser durch die Todeszuckungen des Kapitalismus - Krisenticker

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