Der Schüttelfrost des Kapitalismus, warum sein Untergang so plötzlich kommen wird.


Norbert Nelte - 26.02.09 - Theorie

2008 sehen endlich auch andere wie der bei Heise veröffentlichte Artikel von Tomasz Konicz, dass der Kapitalismus sich seinem Ende auf Grund des tendenziellen Falls der Profitrate zuneigt. Je mehr Linke das Ende des Kapitalismus propagieren, je eher fallen die Kollegen nicht auf das „Es geht wieder Aufwärts“-Gesülze der Bourgeoisie herein und kämpfen entschlossener gegen Lohnkürzungen und Entlassungen.

Leider wurde keine Kurve dabei gezeigt und vermittelt, wo wir denn heute stehen, wie lange wird man jetzt noch mit dem Kapitalismus rechnen müssen.

Das fehlende Diagramm will ich gerne nachreichen, wobei wir gleich sehen, dass zwar 1850 die durchschnittliche Profitrate noch bei 50% stand, aber schon ab 1982 kein Geschäft mehr im Durchschnitt mit der Profitproduktion zu machen war. Das sind einfach die zusammengetragenen Daten von verschiedenen Autoren von Paul Fröhlich über Mandel, Altvater, DGB und Robert Brenner für 150 Jahre von 1850 bis 1993. Für Wissenschaftler ist das natürlich vollkommen unwissenschaftlich, da ja jeder genannte Autor etwas andere Zahlenquellen genommen hat und etwas anders berechnete.
Mir ging es dabei aber nicht um hundertprozentige Zahlengenauigkeit, sondern mehr um die politische Darstellung der Profitrate von der ursprünglichen Akkumulation ab bis zur Vollautomatisierung, die heute bei gut 90% Maschinenanteil und nur knapp 10% Lohnkostenanteil in den Warenwerten liegt. Aus diesem hohen Wert der technischen Zusammensetzung des Kapitals von 900% (siehe Marxistische Wirtschafttheorie, leicht gemacht, S. 10) ergibt sich auch die niedrige Profitrate, da nur die Arbeit die fast einzige Quelle der Wertschöpfung ist (Noch die Grundstücksmiete).

Aber wir können gerne noch unseres mit dem Diagramm des Instituts für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung e.V. aus München, ISW ergänzen, dieses ist wenigstens aus einem Guss und zeigt auch, dass die Profitrate ab 80 unter dem Finanzmarktzinssatz gefallen ist. Das Problem nur des ISW ist, dass ihr Chefredakteur Conrad Schuhler vom Steigen der Profite ausgeht und damit das ISW nicht aus einem Guss ist und nicht mehr die Überzeugungskraft hat, die es eigentlich bei so viel bekannten Mitgliedern und Beiräten haben müsste.

Bei der Analyse des Wirtschaftsbooms von 1954 bis 1973 sind bei Tomasz Konicz die wesentlichste Frage unbeantwortet geblieben. Er meint, dass er diese mit der „inneren Kapitalexpansion“ des Mitgliedes der Moskau-KP Hobsbawn zu Genüge erklärt hätte.

Schauen wir uns die BIP-Kurve der BRD genauer an, um dieser Frage uns zu nähern. Nach der Währungsreform 1948 ging es schon langsam aufwärts, da reichte die Erklärung mit der „inneren Kapitalexpansion“ noch tatsächlich aus. Die Aufschwungsrate waren wie in allen Industrieländern und auch China in der ersten Dekade des 3. Jahrtausends. Ab 1955 aber schoss die BIP-Kurve plötzlich wie aus dem Nichts auf 12% nach oben, davon träumen die Vorstände heute noch. Nichts anderes ist passiert als dass ab 1953 der Korea-Krieg losbrach. Die amerikanischen Konzerne verlagerten sich auf die profitable Rüstungswirtschaft und die Europäer lieferten dann die Konsumgüter. Nach dem Koreakrieg schloss sich dann in den 60ern bald der Vietnam-Krieg an und die Rüstungsindustrie wurde weiterhin auf dem hohen Niveau von 10% des BIP gehalten. Das ging so bis zu dem Ende des  Vietnam-Krieges 1973.

Nach 1973 fing die Massenarbeitslosigkeit an und bis 1980 war schon die erste Millionen erreicht. Der Boom in den 50er 60er war nichts anderes als das Ergebnis der Rüstung. Auf diese einfache Formel ist das zu bringen:
Rüstung = Wirtschaftsaufschwung
Je mehr Rüstung = umso mehr Wirtschaftsaufschwung.

Mit dieser Feststellung wollen wir uns weiter unten noch einmal beschäftigen.
Die Rüstungswirtschaft hatte außerdem für das Kapital den Vorteil, dass es dem Kapitalisierungsprozess des Profits Mehrwert entnahm und somit den tendenziellen Fall der Profitrate aufhielt und somit die Boomphase in den 50er/60ern verlängern konnte, ein Umstand, auf den Michael Kidron und Tony Cliff hinwiesen.

Aus der Profitratenkurve sowohl auch aus der BIP-Kurve geht hervor, dass die normale kapitalistische Profitproduktion 1982 schon im wesentlichen zu Ende kam. Nun  löste die FDP unter dem Superhelden Superman Genscher ohne Wahlauftrag die Rot-Gelbe Koalition auf und suchte die Koalition mit der CDU unter Kohl.

Die Schwarz-Gelben sanken nun die Löhne und konnten mit der Senkung der Ausbeutungsrate die Profitrate wieder erhöhen. Gleichzeitig sammelten die Konzerne für  ihr Portfolio international besonders profitable Finanzpapiere (Rohstoffe, Waffen, Weißwäsche, China) und konnten damit ihre Profitraten wieder hochtreiben. 2000 erreichten die Gewinne aus den Finanzpapieren 90% Anteil. Mit dem Zusammenbruch der Börsen im ersten Jahrzehnt ließ Kanzler Schröder ab 2002 den Heuschrecken freien Lauf, die die Substanz der Betriebe abnagten und von ihnen lebten. Mit der Finanzkrise 2008 ist das alles zu Ende. Die BIP-Lokomotive ist 2009 gegen die Wand gefahren.
Die Marktwirtschaft ist dazu verdammt, sich immer weiter ausbreiten zu müssen, um 3%. Um die Konkurrenz schlagen zu müssen, rationalisiert der Kapitalist jedes Jahr um 3%, wenn er es nicht macht, fliegt er vom Markt. Damit die Rationalisierung sich auch lohnt, muss er auch entsprechend 3% Arbeiter entlassen oder den Umsatz um 3% ausweiten. Der IWF spricht deshalb auch bei weniger als 3,3% Wachstum von einer Rezession. Expansion um der Expansion willen, heißt das Gebot des heckenden Kapitals.

Neben dem tendenziellen Fall der Profitrate auf Null haben wir auch nach China die Grenzen des Marktes. Die Gleichzeitigkeit der Ereignisse resultiert daher, weil mit der Näherückung der Grenze auch der Profit immer schwächer sich nur realisieren kann. Der schwächelnde Binnenmarkt kann nicht mehr durch eine Ausweitung des Exportes kompensiert werden, im Gegenteil. Dadurch, dass China die eigene Binnenmarktschwäche kompensieren möchte, drängt es mit aller Kraft ä
auf die alten imperialistischen Märkte zurück.

Die Marxisten werden durch die brutale Realität zur Kenntnis nehmen müssen, dass auch Rosa Luxemburgs Theorie von den Grenzen des Marktes ein wichtiger Bestandteil der marxistischen Ökonomie ist. Jetzt schon zeigt die BIP-Kurve einen plötzlichen Sturz unter die Wasseroberfläche. Vielleicht kann die nationale Wirtschaft sich noch eins, zweimal über die Wasseroberfläche hochretten, aber in einigen Jahren wird der Weltmarkt weniger nach Produktionsmitteln nachfragen. Dann gibt es überhaupt kein Halten mehr und nach diesem Point of no Return wird es geradewegs in die Tauschwirtschaft mit Brotmarken und lokalem Notgeld gehen.

In Deutschland schrumpft die Wirtschaft um 2%, die Bundesregierung schätzt für 2009 die Aussichten  auf -3%. Die konservativen Analytiker neigen mehr zu -Fünf. In den USA steht das BIP bei -3,8% und tendiert zu -8. Nur China steht noch im Plus, schrumpft aber von 11,4 auf 7,9. Die Regierung schätzt 2009 auf 8%, chinesische Analysten neigen mehr zu 5%. Der Binnenmarkt in der BRD fällt in der Autobranche total, aber auch der Maschinenbauindustrie, den Hafenanlagen etc., überall Kurzarbeit und Entlassungen. In Amerika gab es an einem Tag 50.000 Entlassungen und die Finanzgiftpapiere sind nur in den Anfängen abgeschrieben. Schlimmste Krise der Nachkriegszeit, nein, so wie 29, nein, noch schlimmer, sind die täglichen Meldungen.

Bis jetzt sind die Hypothekenmüllpapiere nur zu 10% abgeschrieben, kommt noch der Rest und die 20 mal höheren Wetten, als die Realwirtschaft, sogenannte Zertifikate und Derivate, und die CDS, mit denen sich die Banken und Versicherungen gegenseitig „absicherten“, und SSD, (Schuldscheindarlehen von Unternehmen), usw. Also nach dem Bankenrettungsplan kam der Wirtschaftsrettungsplan 1 und 2, dann 3 bis 30, dann der Versicherungsrettungsplan und dann der Rettungsplan für die Marktwirtschaft und dann der für die Regierung. Zum Schluss haben die Lohnbhängigen nichts mehr zu essen und alle haben vergessen, wofür die ganzen Rettungspläne eigentlich waren? Aber, das ist doch easy, damit die Banken, Versicherungen und Konzerne weiter zocken können. Logo, das ist auch dem Lafontaine klar, Profitproduktion auf Erden funktioniert ja nicht mehr, da muss es ja eine Ersatzwirtschaft im Himmel geben, wie diese Zertifikate, kapiert?

Ein Rentenhändler schreibt anonym an MMNews (Ein Insider packt aus): „…dieses kaputte Finanzsystem ist definitiv erledigt! Es kann nur noch verzögert werden. Nur wie lange?“. Nun kommen die ewigen Treuehalter des kapitalistischen Systems und wenden ein, dass es schon irgendwie weiter gehen wird, irgendwie. Aber die Kapitalzusammensetzung lässt eine Marktwirtschaft definitiv nicht mehr zu. Da müsste man schon alle Maschinen und Pläne zerschlagen und alles Wissen auslöschen. So fragt sich auch die Elite in Davos, gibt es eine Alternative zum Kapitalismus? Die Herrschenden aber können die Konkurrenzwirtschaft nur durch eine Weltmonopoldiktatur ablösen, die nur mit einem Weltatomkrieg erreichbar wäre, also nie.

Nur die Arbeiterklasse kann ein weltweites solidarisches Plansystem basisdemokratisch aufbauen. Da sind die Grenzen des Marktes egal und Profite gibt es da auch nicht mehr. Die Zukunft gehört also uns „kleinen Leute“ ganz allein. Sie können uns bestehlen, bis aufs Hemd ausziehen, entlassen, die Wohnung klauen, die Freiheit, alles, aber sie können uns nicht die Zukunft klauen, niemals.

Norbert Nelte
Internationale Sozialisten

Home

www.besucherzaehler-counter.de  

nn