Der lange Schatten des Stalinismus verdunkelte auch Dr. Christoph Jünke selber.

Norbert Nelte - 20.9.2019 -
Theorie

Zugegeben, es ist ein sehr langer Schatten, aber je länger  der Schatten ist, umso mehr verliert man seinen Ursprung aus dem Auge.

Und das fiel mir zuerst auf, an Christoph Jünkes  Vortrag. In 46 Minuten brachte er es nicht ein einziges Mal zustande, die unaufgeklärte und irregeleitete Öffentlichkeit darüber aufzuklären, was nun der authentische Marxismus ist und kein Wort über deren Inhalte.

Es scheint mir ein seltsamer Hochschullehrer zu sein,  der 46 Minuten lang über den Stalinismus spricht und kein Wortchen darüber, dass Stalin genau das Gegenteil aller marxistischen Theorien vertreten hat, aller.

Er nennt sich doch marxistischer Historiker, da muss er doch sagen können, was Marxismus ist. Kein Wort. Ich denke, er kennt Marx nur flüchtig.

Jünke ist Vorsitzender der Kofler-Gesellschaft. Leo Kofler lehrte ab 1947 in Halle als Mitglied der SED, obwohl diese die Arbeiterräte, die sog. Antifa-Komitees, sofort 1945 wie die USA im Westen zusammen mit Russland verboten hatte.

Unabhängig davon, dass Kofler ja die gesamte Stalinisierung der KPD seit dem Ausschluss Paul Levis 1921. Alle stalinistischen Theorien sind das Gegenteil von Marx, alle. Halt, halt, ruft da der Nurintellektuelle. „ Es war doch immerhin die Verstaatlichung der Produktion und das Außenhandelsmonopol von Marx gefordert“ Nein, denn es steht zuerst die Fage, „Wem gehört der Staat?“. Sonst wäre der ägyptische Pharao Echnaton der erste Kommunist gewesen. Der Staat aber muss nach Marx erst der Arbeiterklasse gehören, nicht den Kleinbürgern.

»In jeder historischen Epoche hat sich das Eigentum anders und unter ganz verschiedenen gesellschaftlichen Verhältnissen entwickelt. Das bürgerliche Eigentum definieren,  heißt  somit  nichts  anderes,  als  die  gesellschaftlichen  Verhältnisse  der bürgerlichen Produktion darstellen. Eine Definition des Eigentums als eines unabhängigen  Verhältnisses,  einer  besonderen  Kategorie,  einer  abstrakten  und  ewigen  Idee geben  wollen,  kann  nichts  anderes  sein  als  eine  Illusion  der  Metaphysik  oder  der Jurisprudenz
(K. Marx: "Das Elend der Philosophie", MEW, Bd.4, S.165.

Als Theoretiker hätte Kofler das alles mitbekommen müssen.

Die gewählten Arbeiterräte sind das A & O des Marxismus, alles andere ist kein Marxismus, wobei wir wider bei Jünke wären. Kein Wort zu den basisdemokratischen Arbeiterräten, stattdessen faselt er was von der bürgerlichen Demokratie zusammen. Die bürgerliche repräsentative Demokratie ist aber in Wirklichkeit eine Demokratieverhinderungsorganisation.
Kein ehrlicher Mensch will Kriege und Millionen Menschen hinmetzeln. Nur unsere sogenannten Repräsentanten führen dauernd Kriege im Auftrag des ganz großen Geldes. Das Geld will Blut, nicht der Mensch

Was der Mensch will, entscheidet er nur mehrheitlich in der Basisdemokratie. In der Rätedemokratie entscheiden die Wähler und der Abgeordnete muss das ausführen. Übrigens, Herr Dr., Die Wortabstammung von Kommunismus kommt von Kommune, die Pariser Kommune, klingelts?

In seiner 3. Einleitung zur Schrift von Marx „Der Bürgerkrieg in Frankreich“ vom 18.3.91 stellte Engels klar,  was Marx mit „Diktatur des Proletariats“ meinte. „Der deutsche Philister ist neuerdings wieder in heilsamen Schrecken geraten bei dem Wort: Diktatur des Proletariats. Nun gut, ihr Herren, wollt ihr wissen, wie diese Diktatur aussieht? Seht Euch die Pariser Kommune an, das war die Diktatur des Proletariats“
(S. 24)

Und Marx führte dann im Text aus wie die Basisdemokratie genau aussieht.

„1. Die Kommune bildete sich aus den durch allgemeines Stimmrecht in den verschiedenen Bezirken von Paris gewählten Stadträten. Sie waren verantwortlich und jederzeit absetzbar. Ihre Mehrzahl bestand selbstredend aus Arbeitern oder anerkannten Vertretern der Arbeiterklasse…

2. Von den Mitgliedern der Kommune an abwärts, muss der öffentliche Dienst für Arbeiterlohn besorgt werden…

3. Die Abgeordneten sollten jederzeit absetzbar und an die bestimmten Instruktionen ihrer Wähler gebunden sein

Jawohl, meine Herren, die Kommune wollte jenes Klasseneigentum abschaffen, das die Arbeit der vielen in den Reichtum der wenigen verwandelt. Sie beabsichtigte die Enteignung der Enteigner.“


Karl Marx: Der Bürgerkrieg in Frankreich“, III. Teil, S. 7

Der Marxismus will, dass jeder Mensch weltweit über sich selbst bestimmen kann, nicht mehr, wie in der Naturgesellschaft von der Natur beherrscht wird und auch nicht wie in der Klassengesellschaft von anderen Menschen.

Dazu ist es notwendig, 1. dass wir in der Demokratiefrage wieder wie in der Stammesgesellschaft die „Gesamtheit derer, die es angeht“ entscheidenö.

und 2. keiner mehr die Arbeitskraft eines anderen stundenweise kaufen kann.

Alles andere ergibt sich daraus. Ich selber war als Betriebswirt, also Intellektueller, auch Vertrauensmann in einem Großbetrieb. Dort hatten die Gewerkschafter über den Betriebsrat und die Vertrauensleute über ihre Sache abgestimmt. Deshalb ist es jeden Gewerkschafter aus der Industrie klar, dass nur das Rätesystem wirkliche Demokratie ist.

Jünke aber eiert als Nurintellektueller wie alle Nurintellektuellen, die sich nicht eindeutig an die Seite der Arbeiter gestellt haben, um die Demokratiefrage und allem herum.'

Er predigt große Stücke von der bürgerlichen Demokrafie.. Da macht das ja der Mausfeld als Nichtmarxist noch besser.

Ich denke, dass daran nicht nur Stalin, sondern auch Leo Trotzki eine kleine  Mitschuld. Er hattc 1936 in seinem Buch die Verratene RevolutionStalin nur eine politische Konter-revolution vorgeworfen, keine soziale, so wie halbschwanger. Damit hat er alle orthodoxen Nachfolgegruppen in eine große Verwirrung gestoßen.

Von seiner Seite war das verständlich, denn Sowjetrussland war schließlich sein Kind. 1940 hat er aber in seinem letzten Buch über Stalin seine Haltung geändert. Er schreibt dort im Nachtrag,  „Ein Kinto an der Macht“:

„In Wirklichkeit bestätigten sie diese nur. Die Substanz des Themidor war sozialen Charakters und konnte nur sozialen Charakters sein. Sie war die Kristallisierung einer neuen privilegierten Schicht, die Schöpfung eines neuen Unterbaus für die ökonomisch herrschende Klasse. Zwei Anwärter auf diese Rolle waren   vorhanden:   das   Kleinbürgertum   und   die   Bürokratie selbst“
.

Dass die Bürokratie diesen Kampf um den „Unterbau der ökonomisch herrschende Klasse“ gewonnen hat, wissen wir heute. Und das Politbüro ist die Klasse.

Aber an den orthodoxen Trotzkisten scheint dieses Buch vorüber gegangen zu sein. Trotzki hätte eine Konferenz einberufen müssen, um seine Thesen vorzustellen. Jedenfalls fand er dazu keine Zeit mehr, er wurde am 21.8.40 hingemetzelt.

Aber die orthodoxen Trotzkisten wiederholen die 1936 Formel  von der „Nur politischen Konterrevolution“ immer noch und  verteidigen die DDR immer noch. Bei der Regierungsbildung in NRW, alse die Koalition SPD-Linke anstand, fragte  die SPD vor  laufender Kamera, ob die DDR ein Rechtsstaat war, und die trotzkisti schen Vertreter der ISO (damals ISL) antworteten mit ja. Auch vereinigten sie sich vorher mit der stalinistischen KPD zur VSP. Alle orthodoxen Trotzkisten bezeichneten die DDR und heute noch Kuba und Nordkorea als sozialistisch oder kommunistisch, weshalb ich sie auch als Halbstalinisten bezeichne.

Insofern hat Jünke schon Recht, dass alle sich nennenden Marxisten den Stalinismus mehr oder weniger verteidigen. Wegen der Diktatur, seinen ewigen Verteidigern, deren Gleichsetzung mit dem Marxismus und der Hetze der Herrschenden haben die Unterdrückten nichts mehr mit dem Marxismus zu tun.

Aber würde sich das mit dem Vortrag von Jünke geändert haben. Das hätte ja sein Interesse als marxistischer Historiker sein müssen. Aber genau das würde nicht passieren, weil er eben nicht sagt, dass der Marxismus genau das Gegenteil vom Stalinismus ist, das er basisdemokratisch ist,

F0r die Massen sagt er nichts Neues, eben nur eine intellektuelle Bestätigung ihrer Vorurteile. Nur für die sogenannten revolutionären Marxisten wäre das Neu, ist für die aber nicht glaubhaft, da würden nur Marx Zitate helfen (Mit Ausnahme der Millionen Morde von Stalin, dass hat sich inzwischen bei allen Linken herumgesprochen)

Hier noch einmal ein prägnantes Engels Zitat von 1891.

Wenn etwas feststeht, so ist es dies, dass unsre Partei und die Arbeiterklasse nur zur Herrschaft kommen kann unter der Form der demokratischen Repulik. Diese ist sogar die spezifische Form für die Diktatur des Proletariats, wie schon die große französische Revolution gezeigt hat.

Friedrich Engels: „Zur Kritik des sozialdemokratischen Programmentwurfs 1891, II. Politische Forderungen.“ Karl Marx/Friedrich Engels - Werke. Dietz Verlag, Berlin. Band 22, 3. Auflage 1972 S. 235

Die beiden Engels Zitate sind aus den 1890er Jahren, da erst dann die Pariser Commune Basisdemokratie bei der Elite langsam vergessen wurde. Bei der Arbeiterklasse aber ist das ins Blut übergegangen bis Lenins Tod 1924, genau bis zu Stalins Schließung der Arbeiterräte 1928. Er hatte sie geschlossen, obwohl Lenin sie ins Zentrum seiner Politik gestellt hatte. Nur ins Zentrum?, „Die einzig   mögliche Form“, waren seine Worte.

„Keine parlamentarische Republik –„ schrieb er „von den Sowjets der Arbeiterdeputierten zu dieser zurückzukehren wäre ein Schritt rückwärts -, sondern eine Republik der Sowjets der Arbeiter-, Landarbeiter- und Bauerndeputierten im ganzen Lande, von unten bis oben.“

„Aufklärung der Massen darüber, dass die Sowjets der Arbeiterdeputierten die einzig mögliche Form   der revolutionären Regierung sind“

„unsere Forderung eines "Kommunestaates"
 schreibt er noch.

Kennt Jünke all diese Zitate. Stattdessen beschäftigt er sich mit irgendwelchen abseitigen stalinistischen Marx Verrätern. Wie gesagt. Bis 1828 wusste jeder Linke noch Marx’Vorschlag der Pariser Kommune. Danach fiel Stalins Schatten über die und kaum ein Linker sog. Revolutionär. Insofern verdunkelte Stalins Schatten auch Jünke.

Es müsste bei Jünke die Frage aufgekommen sein, warum gerade als erstes nach Lenins Tod Stalin mit der marxistischen Formel der „Revolution in Permanenz“ brach?

Damit signalisierte er gleich den Alliierten, dass er nicht mehr in ihren Revieren Propaganda betreiben und die KPen der Welt zahn- und kraftlos machen wird. Dieser Zusammenhang ist den ganzen Linksrevolutionären, ob Stalinisten oder Trotzkisten, nicht gekommen.

Auf Bitten Churchills löste Stalin „Während des Zweiten Weltkrieges 1943 die Kommunistische Internationale als Zugeständnis an seine westlichen Alliierten in der Anti-Hitler-Koalition – die USA und Großbritannien – überraschend auf. „ (Wiki  zu Komintern)

Verteidigen das auch die sog. Linken? Wissen wir, ob Stalin das nicht schon 2024 mit Churchill abgesprochen hatte, ob er die Millionen Morde ab 1936 nicht auch mit den Alliierten abgesprochen hatte. Jedenfalls wurde die Sowjetunion 1934 in den Völkerbund aufgenommen. Besteht da ein Zusammenhang? Es hatten doch nur die Alliierten einen Gewinn daraus. Jetzt können Sie in alle Welt hinausposaunen „Nie wieder Kommunismus“.

Glücklichweise setzt sich der Marxismus am Ende des Kapitalismus automatisch aus der historischen Notwendigkeit durch.

Díe Profitrate ist weltweit 2019 auf unter 1% gefallen. Es wird immer weniger investiert. In 16 Ländern gibt es schon selbstverwaltete Betriebe. In Argentinien diskutieren sie bereits, sich in Arbeiterräte umzubenennen.

Solch ein Aufruf steht immer vor der konkreten Organisierung, auf einem Kongress; die Sprecherräte und die Koordination in revolutionäre Arbeiterräte umzubenennen. Ich denke, bis zum Februar 1917 ist es nicht mehr so weit.

Und der Historiker Jünke? Ach ja, stimmt, ist ja nur für die Vergangenheit zuständig.

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