Rosa Luxemburgs „Die Schlussperiode des Kapitalismus“

Norbert Nelte - 18.06.2018 - Theorie

Rosa Luxemburg beschreibt am ausdruckreichsten, präziser und intensiver aller Marxisten das Ende des Kapitalismus.

Bei Karl Marx ist es ein sanftes Einschlummern. Er schreibt im 3. Band »Die Profitrate, d.h. der verhältnismäßige Kapitalzuwachs ist vor allem wichtig für alle neuen, sich selbständig gruppierenden Kapitalableger. Und sobald die Kapitalbildung ausschließlich in die Hände einiger wenigen, fertigen Großkapitale fiele, für die die Masse des Profits die Rate aufwiegt, wäre überhaupt das belebende Feuer der Produktion erloschen. Sie würde einschlummern.«

Karl Marx, "Das Kapital," Bd. 3, Seite 269

Oder er erwähnt es im Manifest mit Friedrich Engels, aber nur mit den Notwendigkeiten für das Kapitalismus, den Rast, da muss man selber die Schlussfolgerung ziehen. Wir haben erschrocken festgestellt, dass fast alle Marxisten, auch viele Erfahrenen diese Schlussfolgerung nicht gezogen haben und daher eigentlich auch den ganzen Marxismus gar nicht verstehen können. Ohne das Gesetz des Falls der Profitrate verstanden zu haben, kann man den ganzen Marxismus gar nicht verstehen. Die Formel m/v+c zu verstehen, ist bei Marx eine unbedingte Vorraussetzung und genau so wichtig, wie bei Albert Einstein die Formel E=mc2. zu verstehen.

Marx und Engels fragen:
"Wodurch überwindet die Bourgeoisie die Krisen? Einerseits durch die erzwungene Vernichtung einer Masse von Produktivkräften; anderseits durch die Eroberung neuer Märkte und die gründlichere Ausbeutung alter Märkte. Wodurch also? Dadurch, dass sie allseitigere und gewaltigere Krisen vorbereitet und die Mittel, den Krisen vorzubeugen, vermindert.“
(Karl Marx und Friedrich Engels, Kommunistischen Manifest, MEW , Band 4, S.468)

Nachdem die marxistische Theorie ausgearbeitet war, konnte Rosa Luxemburg 1913 dann natürlich in ihrem Buch „Die Akkumulatation des Kapitals“ in die Details gehen. Sie beschreibt in den Absätzen des 29. Kapitels Der Kampf gegen die Bauernwirtschaft das Endresultat des Verhältnisses von Kapitalismus und Naturalwirtschaft. (Rosa Luxemburg: Gesammelte Werk‎e, Bd. 5, S. 363 - 365, Dietz Verlag Berlin 1975, aus Marxist Internet Archiv hier oder bei Marxismus Bilderbuch

„Wenn der Kapitalismus also von nichtkapitalistischen Formationen lebt, so lebt er, genauer gesprochen, von dem Ruin dieser Formationen, und wenn er des nichtkapitalistischen Milieus zur Akkumulation unbedingt bedarf, so braucht er es als Nährboden, auf dessen Kosten, durch dessen Aufsaugung die Akkumulation sich vollzieht.“

Das sehen wir sehr deutlich in Afrika zu Europa bestätigt, wo in Afrika die Hühner Bauern aufgeben müssen, weil in Europa die großen Supermärkte ihre Hühnchenreste mit EU-Agrarsubventionen billigst in Afrika zu Dumpingpreisen verschleudern. Oder wie die afrikanischen Fischer aufgeben müssen, weil die großen europäischen Trawler dort die Meere leerfischen.

Wegen der Konkurrenz muss der Kapitalist jährlich um mehr als 3% rationalisieren, sonst geht er unter. Wenn er die Arbeiter nicht auf die Straße setzen soll, muss er jährlich um 3% wachsen. Das macht er, indem er die nichtkapitalistischen Sphären erobert. Wenn alle erobert sind, beginnt der Endkampf. Nun ist die Erde rund, also mit Ende und alles, kapitalisiert. Luxemburg schreibt weiter:

„Die Realisierung und Kapitalisierung des Mehrwerts verwandelt sich in eine unlösbare Aufgabe. In dem Moment, wo das Marxsche Schema der erweiterten Reproduktion der Wirklichkeit entspricht, zeigt es den Ausgang, die historische Schranke der Akkumulationsbewegung an, also das Ende der kapitalistischen Produktion.

Die Unmöglichkeit der Akkumulation bedeutet kapitalistisch die Unmöglichkeit der weiteren Entfaltung der Produktivkräfte und damit die objektive geschichtliche Notwendigkeit des Untergangs des Kapitalismus. Daraus ergibt sich die widerspruchsvolle Bewegung der letzten, imperialistischen Phase als der Schlussperiode in der geschichtlichen Laufbahn des Kapitals.“


Sie ist davon überzeugt, dass dieser Endpunkt nur eine theoretische Überlegung sei, deshalb fiktiv bleiben wird. In ihrer Zeit hat eben noch Jederman und Jedefrau gewusst, dass die Alternative zum Kapitalismus Räterepublik heißt und basisdemokratisch ist.

„Das Marxsche Schema der Akkumulation ist nur der theoretische Ausdruck für denjenigen Moment, wo die Kapitalsherrschaft ihre letzte Schranke erreicht haben wird, und insofern ist es ebenso wissenschaftliche Fiktion wie sein Schema der einfachen Reproduktion, das den Ausgangspunkt der kapitalistischen Produktion theoretisch formuliert. Aber zwischen diesen beiden Fiktionen allein ist die exakte Erkenntnis der Kapitalakkumulation und ihrer Gesetze eingeschlossen.“

Sie konnte sich überhaupt Zurecht nicht vorstellen. Dass die Arbeiterklasse trotz all dem Elend und pausenloser Kriege die basisdmokratische Räterepublik nicht will. Zu ihrer Zeit gab es überall Arbeiterräte. Da war der Marxismus in allen Köpfen drin.

Nach der gründlichen Arbeit höchstwahrscheinlich des CIAs und seiner unbewussten Helfer bei den Stalinisten überall ist die Hoffnung auf eine Räterepublik tot. Alle Arbeiter sagen, nee. Diktatur wollen wir nicht mehr. Mausetot.

Aber, glücklicherweise funktioniert Marxismus im Endfall auch anders, als dass man die Arbeiter erst überzeugen müsste. Wenn die Kapitalisten aus dem Betrieb keine Profite mehr rausziehen können, setzen sie sich wie in Argentinien 2001 oft in das Ausland ab. Nun sind die Kollegen selber gezwungen, wenn es keinerlei Arbeitsalternativen mehr gibt, auch gegen ihre Überzeugung, ihren Betrieb zu besetzen, wollen sie ihre Arbeit behalten. Das ist dann der erste Schritt zum Sozialismus, obwohl sie sich dessen noch gar nicht bewusst sind.

Sie wählen dort ganz automatisch ihren Sprecherrat, der ihre Beschlüsse ausführen muss. Nach dem gleichen Prinzip werden die Delegierten zur Koordination gewählt, weil immer mehr Betriebe selbstverwaltet werden. Diese Koordination übernimmt nach einer gewissen Größe, sagen wir bei 50% aller Betriebe, die Doppelherrschaft und nennt sich um in Arbeiterrat. Keiner brauchte sich den Mund fusselig reden und die Arbeiterklasse steht vor der Räterepublik

.

Dieser Punkt, dass die Kapitalisten im Durchschnitt keinen Gewinn mehr aus ihrem Betrieb ziehen, ist schon erreicht. Die Betriebe halten sich nur noch so über Wasser, dass die EZB ihre Schuldenpapiere für Null Zinsen kauft. Die EZB hat  schon angekündigt, dass sie im Dezember damit Schluss machen will (Link 1). Oje, Dann geht es gang schnell abwärts und dann kommen die Betriebsbesetzungen.

Besser wäre es natürlich, vorher eine Revolution durchzuführen, will man all die Opfer eines Supercrashs vermeiden. Und der wird kommen, hier nur die letzten Meldungen:

ESM-Chef Regling: Nächste Finanzkrise wird kommen 9.5.18 Insider

Riskante Dollar-Stärke, Bond-Markt nervös: Globale Schuldenkrise kehrt zurück15.5.18

Weltwirtschaft: Wachstum in exportstarken Ländern geht zurück 16.11.18

Vorbild Asienkrise, US-Zinswende könnte globale Schuldenkrise auslösen 19.5.18

Der endgültige „Point of no Return“ in der Produktion ist im Anmarsch 19-5.18 Video

Eggon von Greyerz; 3 Milliarden Menschen weniger durch Armut, Krankheit und Krieg? 31.5.18 Insider

Die Finanzkrise ist zurück
2,.7.18

Düstere Warnung: Panik an den Finanzmärkten 4.6.18

James Rickards: Eine Rezession steht bevor - und die Fed kann sie nicht aufhalten 15.6.18 Insider

Die Weltschulden werden immer größer, die Derivate immer umfangreicher,  die Börsenkurse immer höher gegenüber dem realen Wert des Konzerns. Seit 2008 gehtt die Weltwirtschaft nur noch Bergab. Alle Staaten versuchen das mit der Abgabe einer zu niedrigen Inflation zu verbergen. Über den BIP-Deflator errechnen sie dann auch das BIP schön ins Plus. (Siehe: Börsenguru Prof. Max Otte bestätigt indirekt, die Wirtschaft geht bei uns im Rückwärtsgang.-Focus: Die Inflation wird falsch gemessen 24.6.18

In den US-Staaten schwindet auch das Vertrauen zusehends. Die Differenz zwischen der 5jährigen und der 2jährigen beträgt hur noch 0,24%, 0,17% am 9.6.18. Bei 0 ist Schluss.Wir sind schon weit drin in der fiktiven Welt. Alarmstufe Gelb:. Zu allem Unglück kommt jetzt noch, dass die EZB ihre Anleihkäufe einstellen will.  EZB will Anleihen-Käufe im Dezember beenden Deutsche Wirtschafts Nachrichten 14.06.18 Wenn das umgesetzt wird, ohje.

Der kommende Supercrash wird nicht zum Lachen sein. Am 1. Tag, ab  dem er feststeht, werden die Supermärkte leer geräumt sein. Nun ziehen die Vandalenheere über das Land. Bürgerkriege zwischen den rechten Deutschen und der CIA-Geheimarmee ISIS und ihrer Anhänger entflammen, eine Hyperinflation entsteht. Ich hoffe, dass die Großstädte dann mit Notgeld und Lebensmittelmarken dann einigermaßen die Ordnung aufrechterhalten werden. Sie, denke ich, werden am sichersten sein. Natürlich, noch sicherer sind die Gegenden, wo man überhaupt nicht mit dem Auto hinkommt.

Nach Karl Marx „Einschlummern“ hört sich das alles nicht an. Eher nach Rosa Luxemburgs „Katastrophen und Todeszuckungen“. Diese Differenz resultiert letztlich aus Marx falscher Einschätzung im 2. Band des Kapitals bei der erweiterten Reproduktion, dass der Überschuss immer im Produktionsmittelsektor auftaucht.

Er abstrahierte sogar so bei der erweiterten Reproduktion, dass die Profitrate immer fest bei 20% und das Verhältnis von c - v und m immer gleich blieb. Diese Fehleinschätzung ist natürlich nur dem Notizcharakter geschuldet und er keine Zeit mehr fand. Dieses Buch auch auszuarbeiten, dann wären ihm die Differenzen zu dem 3. Band aufgefallen

Sein früher Tod mit jugendlichen 65 Jahren war das Problem. Er hat eben zu viel geraucht. Aber irgendeine Art der Entspannung braucht jeder Mensch.

Rosa Luxemburg dagegen betonte richtig in ihrem Buch „Die Akkumulation des Kapitals“, dass der Überschuss immer im Konsumsektor auftritt. Dieser Überschuss ist natürlich immer auf den Produktionsmittelsektor zu übertragen.

Nun gab Tony Cliff in seiner Biografie „Studie über Rosa Luxemburg“, Kapitel VIII. Die Akkumulation des Kapitals“ nur den Fehler von Marx, dass dieser die Verhältnisse von c-v-m immer gleich ließ, korrigiert und einen Übertrag einrechnete. Er ließ aber die Sektoren zueinander und kommt daher auf den gleichen Fehler wie Marx. Nun hat der englische Professor von der Univerrsität Leeds John Peter Nettl in seiner Biographie über Rosa Luxemburg sich auf Tony Cliff bezogen und diesen Fehler weiter verbreitet:

»Und diese ihre Rechnungen sind, wie sich ziemlich leicht zeigen lässt, nicht nur verfeinerungsfähig, sondern auch anfechtbar. Fußnote: Zur Anfechtbarkeit siehe beispielsweise Tony Cliff: "Studie über Rosa Luxemburg, London 1959, S. 81 ff"«

(Peter Nettl: "Rosa Luxemburg", Köln 1967, S. 794)

So glaubt die ganze Linke in der ganzen Welt, Marx hatte recht und Luxemburg lag falsch.

Wenn man aber c und m immer weiter auseinander gehen und die Sektoren auch, dann tritt der Überschuss immer im Konsumsektor auf, immer. (Exel-Tabelle anklicken und zu Tabelle 3  gehen.

Also hatte Rosa Luxemburg Recht und Marx lag da falsch. Dann sinkt auch die Profitrate gegen Null, wie er das im 3. Band richtig analysierte.

Wenn aber die Investitionen weltweit stärker sinken als die Löhne, also die Entwicklung rückwärts verläuft, dann tritt der Überschuss im Produktionsmittelsektor auf und kann nicht mehr zu übertragen werden, bei jedem verlorenen Arbeitsplatz im Produktionsmittelsektor gehen 5 weitere verloren. Die Volkwirtschaften weltweit brechen ein.


Und dass kommt jetzt wie das Amen in der Kirche. Die Investitionen in Deutschland und Japan werden schon zurück gefahren. Da kommt der Rest Ende nächsten Jahres. Dann wird es dunkel. Die radikale Linke glaubt eben immer noch an das sanfte Einschlummern und ist vielleicht schon von den sanften Sirenengesänge der Frau Dr. Merkel eingeschlummert.'

Rosa Luxemburg zeichnet sehr scharf und bedrohlich die Katastrophen, wie in dem Kupferstich „Die vier apokalyptischen Reiter“ von Albrecht Dürer.



»Je gewalttätiger das Kapital vermittelst des Militarismus draußen in der Welt wie bei sich daheim mit der Existenz nichtkapitalistischer Schichten aufräumt und die Existenzbedingungen aller arbeitenden Schichten herabdrückt, um so mehr verwandelt sich die Tagesgeschichte der Kapitalakkumulation auf der Weltbühne in eine fortlaufende Kette politischer und sozialer Katastrophen und Konvulsionen, die zusammen mit den periodischen wirtschaftlichen Katastrophen in Gestalt der Krisen die Fortsetzung der Akkumulation zur Unmöglichkeit, die Rebellion der internationalen Arbeiterklasse gegen die Kapitalsherrschaft zur Notwendigkeit machen werden, selbst ehe sie noch ökonomisch auf ihre natürliche selbstgeschaffene Schranke gestoßen ist.«
Rosa Luxemburg: „Die Akkumulation des Kapitals”, S. 410

Sie zeigt aber auch in der Antikritik, dass dieser Reifungsgrad schon in der Schlussphase des Kapitalismus, dem Imperialismus, nach der Verengung der Märkte ganz schnell kommen werde: „Schon die Tendenz zu diesem Endziel der kapitalistischen  Entwicklung äußert  sich  in  Formen,  die  die Schlussphase des  Kapitalismus  zu  einer Periode  der  Katastrophen  gestalten.“

Rosa Luxemburg: Antikritik, S. 361, PDF 219 (Demnächst in Marxismus Bilderbuch)

Sie sagt also, dass dieser Zusammenbuch schon vor dem rechnerischen Ende mit Katastrophen kommt. Und dieses rechnerische Ende ist jetzt, da die durchschnittliche Profitrate in der Produktion schon weit unter dem Finanzmarktzins gefallen ist.

Ihr Biograph Paul Fröhlich zitiert aus dem Gedächtnis ihre immer „wiederholte Betonung der Schlussphase“:

»Verschiedene der Kritiker, und besonders Bucharin, glaubten, einen wirksamen Trumpf gegen Rosa Luxemburg auszuspielen, indem sie auf die gewaltigen Möglichkeiten der kapitalistischen Ausbreitung in den nichtkapitalistischen Raum hinwies. Die Schöpferin der Akkumulationstheorie hat diesem Argument bereits die Spitze abgebrochen durch die wiederholte Betonung, der Kapitalismus müsse in Todeszuckungen geraten, längst bevor die ihm immanente Tendenz auf Erweiterung des Marktes auf die objektive Schranke gestoßen sei,«
Paul Frölich: "Rosa Luxemburg, Gedanke und Tat", Frankfurt 1967, S. 198

Norbert Nelte


 


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