Die "nichtkapitalisierten Sphären" bei Rosa Luxemburg und die Tigerstaaten

Norbert Nelte - Februar 1998, LO - Theorie

Einführung

Rosa Luxemburg war nach Marx die wichtigste Wirtschaftswissenschaftlerin. Sie studierte 1889 in Zürich unter anderem Volkswirtschaft und lehrte zwischen 1906 und 1913 an der sozialdemokratischen Parteihochschule politische Ökonomie. Nach der Beendigung dieser Arbeit schrieb sie das nach dem "Kapital" wichtigste ökonomische Buch des Marxismus, "Die Akkumulation des Kapitals".

Der wesentliche Aspekt in Rosa Luxemburgs Werk sind die - rechnerischen - Ungleichgewichte in der imperialistischen Ökonomie und ihr Ausgleich in nichtkapitalistische Regionen. Sie sah in ihren Thesen keinen Gegensatz, sondern eine Weiterentwicklung der Marxschen Analyse und kam zu dem Schluss, dass die Kapitalisierung der nichtkapitalistischen Sphären bei der erweiterten Produktion eine Schranke für den Imperialismus bedeutet und somit zu einem ökonomischen Zusammenbruch des Kapitalismus führt.

Marx ging davon aus, dass der Kapitalismus unabhängig von der Frage nicht-kapitalistischer Sphären abstrakt noch lange existieren kann, wogegen Luxemburg meinte, dass dann die erweiterte Produktion unter den Bedingungen des reinen Kapitalismus nicht möglich sei, nur die nicht-kapitalistischen Sphären die Voraussetzung für die erweiterte Reproduktion bilden.

Rosa Luxemburg stellt aber fest, dass »Marx selbst die Lücke in seinem äußerlich lückenlosen Schema der Akkumulation fühlte und das Problem mehrfach von verschiedenen Seiten anfasst.«

Rosa Luxemburg: "Die Akkumulation des Kapitals", GW, Bd. 5, Berlin 1990, S. 108

Und weiter: »Bei der großen Bedeutung dieses Problems auf die kapitalistische Wirtschaft ist es kein Wunder, dass es die bürgerliche Ökonomie immer und immer wieder beschäftigte. Die Versuche, mit der Lebensfrage der kapitalistischen Wirtschaft, nämlich mit der Frage, ob die Kapitalakkumulation praktisch möglich sei, fertig zu werden, tauchen im Verlaufe der Geschichte der Ökonomie immer wieder auf. Zu diesen geschichtlichen Versuchen vor wie nach Marx, die Frage zu lösen, wollen wir uns jetzt wenden.«


(Rosa Luxemburg: "Die Akkumulation des Kapitals", GW, Bd. 5, Berlin 1990, S. 137)

Sie zeigt auf, dass der Konsum der produzierten Waren im Mutterland des Imperialismus zwar bei einfacher Reproduktion des Mehrwerts, aber  - abstrahiert von Krisen - nicht unter der Bedingung der erweiterten Reproduktion möglich ist und die Expansion des Kapitals nur in nichtkapitalisierten Räumen erfolgen kann. Alles, was produziert wird, wird auch bei der einfachen Reproduktion konsumiert. Es herrscht ein ökonomisches Gleichgewicht. Erst bei erweiterter Reproduktion entstehen Ungleichgewichte und Überproduktionen, die nur von den vorkapitalistischen Räumen konsumiert werden können. Die Schranke des Kapitalismus sei die Kapitalisierung dieser Länder. Aber schon lange bevor alle Länder kapitalisiert sind, wird der Kapitalismus in Todeszuckungen geraten, »längst bevor die ihm immanente Tendenz auf Erweiterung des Marktes auf die objektive Schranke gestoßen sei«.

(Paul Frölich: "Rosa Luxemburg, Gedanke und Tat", S. 198)

Mit dieser Auseinandersetzung haben sich fast alle ökonomisch orientierten Marxisten beschäftigt. In Anbetracht der Aktien-, Absatz- und Währungskrisen in den Tiger-Staaten und deren Rückwirkung auf die Metropolen wird es sicher immer bedeutsamer, sich mit der Frage der Todeszuckungen des Kapitalismus zu beschäftigen. Cliff schreibt:

»Da der Kapitalismus also niemals in reiner Form bestanden hat, könnte man fragen: Worin liegt die Bedeutung der Frage, ob die erweiterte Reproduktion im reinen Kapitalismus theoretisch möglich ist? Schließlich haben weder Marx noch Rosa Luxemburg angenommen, daß der Kapitalismus so lange bestehen werde, bis alle vorkapitalistischen Formationen überwunden sind. Die Antwort auf diese Frage kann jedoch die Auswirkungen des nicht-kapitalistischen Bereichs auf Verschärfung oder Milderung der Widersprüche im Kapitalismus verständlich machen, und die Faktoren, die den Kapitalismus zur imperialistischen Expansion treiben, aufzeigen.«
'
Tony Cliff: "Studie über Rosa Luxemburg"
(IS-Broschüre) S. 45

Die Luxemburgischen Thesen

Rosa Luxemburg ging davon aus, daß die erweiterte Reproduktion nicht stattfinden kann, wenn nichtkapitalistischen Sphären auf dem Land oder im Ausland nicht mehr existieren, Marx aber dagegen schon.

Er ging bei seiner Analyse davon aus, dass die Gesamtproduktion der Volkswirtschaft die Produktionsmittel als auch die Konsumtionsmittel liefern muss, die in die Waren eingehen, der Herstellungssektor also quantitativ im Durchschnitt übereinstimmen muss mit dem Reproduktionssektor, bzw., wie Cliff schreibt

»Die Mengen der verschiedenen Produkte können nicht willkürlich festgelegt werden: die hergestellten Produktionsmittel müssen dem konstanten Kapital c dem Wert nach gleich sein; die hergestellten Konsummittel müssen den aufgewendeten Löhnen (dem variablen Kapital v) plus dem Mehrwert m dem Wert nach gleich sein.«

(Tony Cliff: "Studie über Rosa Luxemburg" (IS-Broschüre) S. 46)

Die hergestellten Waren von Sektor I (Produktionssektor) und II (Konsumsektor) müssen bei ausgeglichenem Markt immer übereinstimmen mit den konsumierten Produkten, den Maschinen, den Rohstoffen und den Lebensmittel für die Arbeiter.

Bei der Untersuchung der erweiterten Reproduktion beginnt Marx mit der Erklärung der einfachen Reproduktion. Einfache Reproduktion heißt, dass der Kapitalist den ganzen Mehrwert selber konsumiert, wogegen die erweiterte Reproduktion bedeutet, dass ein Teil des Mehrwertes in konstantem und ein Teil in variablem Kapital kapitalisiert wird.

"Marx teilt die Gesamtproduktion auf in den Produktionsmittel- und den Konsumsektor:

Die Werte der Produktion vom Produktionsmittelsektor (I) betragen WI = cI + vI + mI und die Werte des Konsumsektors (II) betragen WII = cII + vII + mII.

Die Produkte vom Produktionsmittelsektor (I) betragen PI = cI + cII und die Produkte vom Konsumsektor II PII = vI + mI + vII + mII.

Die Werte vom Produktionsmittelsektor stimmen überein mit den Prodkten,

d.h.cI + cII = cI + vI + mI

nun kann man auf beiden Seiten cI streichen und wir erhalten:

cII = vI + mI



D.h., dass die Werte aus Abteilung I mit dem konstanten Kapital aus I (cI) und dem aus II (cII) gleich sein müssen.

Dies war die Formel für die einfache Reproduktion, wobei die für die erweiterte Reproduktion komplizierter aussieht.

Bei der erweiterten Reproduktion teilt sich der Mehrwert noch folgendermaßen auf:
               r = persönlicher Verbrauch des Kapitalisten
               a = Akkumulation von
                              ac = konstantes Kapital (Maschinen, Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe)
                              av = variables Kapital (Löhne)
Hier müssen die Werte des Produktionsmittelsektors übereinstimmen mit dem konstantem Kapital von I und II und den jeweiligen kapitalisierten Produktionsmitteln.

PI = cI + acI + cII + acII

Die Produkte des Konsumsektors müssen übereinstimmen mit den Löhnen von I und II, dem Eigenverbrauch von I und II, dem Teil des Mehrwertes von I und II, der in die Erhöhung der Löhne fließt:

PII = vI + rI + avI + vII + rII + avII

Die Produkte des konstanten Kapitals von I und II müssen mit den Werten des Produktionsmittelsektors übereinstimmen.

PI = cI + acI + cII + acII = cI + vI + rI  + acI + avI

Nun kann ich cI + acI auf beiden Seiten streichen und erhalte die Formel:

cII + acII = vI + rI + avI

Bei der einfachen Reproduktion war die Formel:

cII = vI + mI

wobei mI aus rI + avI + acI besteht.

_Bei der erweiterten Reproduktion ist das Pendant zum konstanten sowie zu dem aus dem Mehrwert neu zugeflossenen konstanten Kapital kleiner als bei der einfachen Reproduktion, nämlich nur

vI + rI + avI statt vI + mI, ist also um (rI + avI + acI) - (rI + avI) = acI kleiner.

Rosa Luxemburg zeigt auf, wenn man nun die Formel der einfachen Reproduktion cII = vI + mI vergleicht mit der erweiterten Reproduktion cII + acII = vI + rI + avI, dass man die absurde Situation der Disakkumulation erhält.

Sie stellt bei der Analyse von Marx' Schema eine Lücke fest:-

»S sind wir, nachdem alle möglichen Versuche zur Erklärung der Akkumulation fehlgeschlagen sind, nachdem wir von Pontius zu Pilatus, von A I zu B I, von B I zu B II herumgeschickt worden sind, schließlich bei demselben Geldproduzenten angelangt, dessen Heranziehung Marx gleich zu Beginn seiner Analyse als "abgeschmackt" bezeichnet hatte. Damit endet die Analyse des Reproduktionsprozesses und der zweite Band des "Kapitals", ohne uns die lange gesuchte Lösung der Schwierigkeit gebracht zu haben...

Die Analyse litt u.E. darunter, dass Marx das Problem unter der schiefen Form der Frage  ach "Geldquellen" zu beantworten suchte. Es handelt sich aber in Wirklichkeit um tatsächliche Nachfrage, um Verwendung für Waren, nicht um Geldquellen zu ihrer Bezahlung.«

(Rosa Luxemburg: "Die Akkumulation des Kapitals" Bd. 5, Berlin 1990, S. 122/123)

Sie konstatiert, dass, wenn nun unter den Bedingungen der einfachen Reproduktion Gleichgewicht herrschen würde, würde der Übergang zur erweiterten Reproduktion in Abteilung II nicht nur Nicht-Akkumulation voraussetzen, sondern sogar Disakkumulation, z.B. wenn Fabriken aufgrund dessen abgerissen werden, weil sie mangels Absatzmöglichkeiten geschlossen wurden.

Es muss Kapital von II nach I verschoben werden.

Um dies zu belegen, rechnet Luxemburg das Schema von Marx anders durch

(Rosa Luxemburg: "Die Akkumulation des Kapitals", GW, Bd. 5, Berlin 1990, S. 94)

.Sie schrieb, es sei kein Zufall, dass bei Marx in der Darstellung der erweiterten Reproduktion cII zahlenmäßig kleiner ist als im Modell der einfachen Reproduktion.

Die einfache Reproduktion:

I           4.000 c +   1.000 v   +      1.000 m  =    6.000          
II          2.000 c +      500 v   +         500 m  =    3.000

Natürlich musste Marx bei der erweiterten Reproduktion ein niedrigeres c ansetzen, womit könnte er sonst die Produktion erweitern, wenn die 6.000 Maschinen bereits verkauft wären?  (Akkumulationsrate ([ac+av]/m%) Sektoren I = 50%, II = 20%)

(Karl Marx: "Das Kapital", MEW Bd. 24, S. 505)

Hier gibt es kaum eine Unterproduktion in Abteilung I. Im 1. Jahr wird insgesamt im Produktionsmittelsektor 6.000 produziert und 6.000 konstantes Kapital im Sektor I und II konsumiert (konsumierte c = sum C oder cI+cII+acI+acII). W - sum c sind = 0 (6.000 - 6.000), es entsteht also ein ausgeglichener Markt. Die Bewegung in Abteilung II geht aber sprunghaft vor sich:

Im 1. Jahr wird kapitalisiert 150, verzehrt 600.
Im 2. Jahr wird kapitalisiert 240, verzehrt 560.
Im 3. Jahr wird kapitalisiert 254, verzehrt 626.
Im 4. Jahr wird kapitalisiert 290, verzehrt 678 usw
.
Nun kritisiert Rosa Luxemburg Marx derart, dass die Zahlen willkürlich sind, wobei sie aber deren wissenschaftlichen Wert nicht geschmälert wissen will.

»Worauf es ankommt, sind die Größenverhältnisse, die exakte Beziehungen ausdrücken sollen. Die von klarer Gesetzmäßigkeit diktierten Akkumulationsverhältnisse in Abteilung I scheinen nun aber durch eine völlig willkürliche Konstruktion der Verhältnisse in Abteilung II erkauft worden sein, und dieser Umstand ist geeignet zur Nachprüfung der, inneren Zusammenhänge der Analyse zu veranlassen.«

(Rosa Luxemburg: "Die Akkumulation des Kapitals", GW, Bd. 5, Berlin 1990, S. 90)

Sie rechnet das gleiche Modell durch und stellt fest, dass, wenn die gleichen Bedingungen wie im Sektor I für den Sektor II angewandt werden, wenn sie in II mit 2000c anfängt und im Konsumsektor auch wie im Produktionsmittelsektor 50% des Mehrwertes kapitalisiert und nur 50% verzehrt werden würde, eine Überproduktion in Sektor II zustande käme.

Sie stellt fest, daß bei gleicher Akkumulationsrate in II wie in I ein Ungleichgewicht in Form von Überproduktion in II (Unterproduktion in I) auftritt und sich ständig vergrößern würde.

»Die Akkumulation ist nicht nur ein inneres Verhältnis zwischen den Zweigen der kapitalistischen Wirtschaft, sondern vor allem ein Verhältnis zwischen dem Kapital und dem nicht-kapitalistischen Milieu, in dem jeder der beiden großen Zweige der Produktion den Akkumulationsprozess zum Teil auf eigene Faust unabhängig vom anderen durchmachen kann, wobei sich die Bewegung beider wieder auf Schritt und Tritt kreuzt und ineinander verschlingt. Die sich daraus ergebenden komplizierten Beziehungen, die Verschiedenheit des Tempos und der Richtung im Gang der Akkumulation beider Abteilungen, ihre sachlichen und Wertzusammenhänge mit nicht-kapitalistischen Produktionsformen, lassen sich nicht unter einen exakten schematischen Ausdruck bringen...«

(Rosa Luxemburg: "Die Akkumulation des Kapitals", GW, Bd. 5, Berlin 1990, S. 393)

Ihre Feststellung fasst sie in der Frage zusammen »Wo ist die Nachfrage für den akkumulierten Mehrwert?«

Nun könnte man ja meinen, dass das Kapital in Höhe der Überproduktion im Konsumsektor II nach I übertragen wird und somit keine Überproduktion in II bzw. Unterproduktion in I zustande kommt. Aber Rosa Luxemburg wendet sich gegen die Möglichkeit, dass Kapital von II nach I wegen seiner "Sachgestalt" übertragen werden kann, weil die Abteilung I damit offenbar nichts anfangen könne. Daher kann der Kapitalismus auf erweiterter Stufenleiter einzig und allein nur außerhalb der Sektoren I und II akkumulieren. Er kann nur in nichtkapitalistische Sphären expandieren, und wenn diese versperrt sind, stößt der Kapitalismus an seine Grenzen.

Aber viele Produkte wie z.B. Strom können sowohl privat als auch als Produktionsmittel benötigt werden. Einige Produkte, wie z.B. Puddingpulver, das nicht als Produktionsmittel eingesetzt werden kann, können nicht mehr verkauft werden. Der Kapitalist wird aber im Sektor I produzieren. Er kann also statt auf den Weltmarkt auszuweichen, den Sektor wechseln. Das geschieht nur etwas zeitverzögert. Aber auch ein Verkauf von Puddingpulver auf dem Weltmarkt, z.B. nach Indien, wird kaum möglich sein, und eine Umstellung auf ein Ersatzprodukt kann nicht von heute auf morgen geschehen.

Luxemburg zieht den Schluss: »Dieser Absatz für das Mehrprodukt muss also in jedem Jahr um die akkumulierte Rate des Mehrwertes wachsen. Oder umgekehrt: Die Akkumulation kann nur in dem Maße stattfinden, als Absatz außerhalb I und II wächst.«

(Rosa Luxemburg: "Die Akkumulation des Kapitals" GW, Bd. 5, Berlin 1990, S. 107)

Kritik der Kritik

Nun gab es Analytiker der Luxemburgischen Thesen wie Paul Frölich , der sich ihr eindeutig anschloss.

(Paul Frölich: "Rosa Luxemburg, Gedanke und Tat", Die Akkumulation des Kapitals, S. 185)

Die Kritiker sehen in der Regel nur die Fehler bei ihr, ohne die Bedeutung ihrer Analyse zu werten.

Ganz abgesehen davon, dass Bucharin in seiner Polemik gegen Luxemburg, in seinem Buch von 1926 "Der Imperialismus und die Akkumulation des Kapitals" sie bei sonst weitaus richtiger Kritik der rechnerischen Überprüfung ständig persönlich und überheblich niedermacht, unterstellt er ihr in seiner Schlussfolgerung, vom Arbeiter als das Zentrum der sozialistischen Revolution abgerückt zu sein:

»Hieraus ergibt sich nun konsequenterweise eine weitere Entzifferung dieser Postulate in folgender Hinsicht:

1. falsche Einschätzung zur nationalen Frage,
2. Unterschätzung und falsche Einstellung zur Kolonialfrage,
3. Unterschätzung und falsche Einstellung zur Bauernfrage...
In den Vordergrund rückt dann die Notwendigkeit der "Verbindung der proletarischen Revolutionen mit Bauernkriegen", Kolonialaufständen und nationalen Befreiungsbewegungen.«

(Nikolai Bucharin: "Der Imperialismus und die Akkumulation des Kapitals" , Wien/Berlin 1926, S. 126)

Rosa Luxemburg zu unterstellen, dass sie ihr Schwergewicht auf nationale Befreiungsbewegungen legen könnte, ist angesichts ihrer taktischen Ablehnung der Unterstützung der polnischen Befreiungsbewegung schon haarsträubend. Bucharin bleibt der wesentliche Gehalt der Aussagen von Luxemburg verborgen, ihr Hinweis auf die Expansion des Kapitals und die Instabilität des Kapitalismus. Sie spricht überhaupt nicht von den Problemen in der unterdrückten Welt, die sich dann ergeben, sondern ihre Gedanken gelten dabei ausschließlich der Problematik in der kapitalistischen Welt.

Paul Sweezy sah auch nur, dass Luxemburg das Reproduktionsschema missverstand und bleibt selber im Schema von Rosa Luxemburg gefangen, indem er nur in der Logik vom Zuwachs für konstantes oder variables Kapital verbleibt:

»Tatsächlich aber bringt die Akkumulation typischerweise einen Zuwachs zum variablen Kapital mit sich, und wenn dieses zusätzliche variable Kapital von den Arbeitern ausgegeben wird, realisiert es einen Teil des Mehrwerts, der die physische Gestalt von Konsumgütern hat.«

(Paul M. Sweezy: "Theorie der kapitalistischen Entwicklung", Ffm 1970, S. 242)

Interessanter für die Analyse dieser Frage sind die Marxisten, die im wesentlichen versuchen, bei Luxemburg den Moment aufzuzeigen, der die marxistische Theorie voran bringt und nicht nur Rosa Luxemburg aufgrund nebensächlicher Fehler niedermachen.

Zuerst sind da Joan Robinson und Henryk Grossmann zu nennen. Der letzte leistet die wertvollste kritische Erörterung von Rosa Luxemburgs Theorien. John Peter Nettl, der eine umfangreiche Biographie von Rosa Luxemburg verfasste, überlässt aber die genaueren Berechnungen Tony Cliff und schreibt:

»Und diese ihre Rechnungen sind, wie sich ziemlich leicht zeigen lässt, nicht nur verfeinerungsfähig, sondern auch anfechtbar. Fußnote: Zur Anfechtbarkeit siehe beispielsweise Tony Cliff: "Studie über Rosa Luxemburg, London 1959, S. 81 ff"«

(John Peter Nettl: "Rosa Luxemburg", Köln 1967, S. 794)

Cliff hat zwar auch bezugnehmend auf die Berechnungen von Bucharin die Formeln von Luxemburg zu Recht in Zweifel gezogen, weist aber mehr auf die Bedeutung der ganzen Überlegungen hin, die in Zukunft für den Marxismus noch sicher wertvoll werden.

Die Kritik von Tony Cliff

Cliff widerlegt Rosa Luxemburgs Behauptung, dass sich bei gleichen Bedingungen für I und II eine Überproduktion in II, im Konsumsektor ergibt. Er weist aber auch auf die Zunahme des relativen Gewichts der Abteilung I gegenüber der Abteilung II hin und sieht, dass dieses die Überproduktion in I kompensiert.:

»Das in Abteilung I investierte Kapital kann im Vergleich mit Abteilung II auf zwei Arten wachsen:
         1. durch eine höhere Akkumulationsrate in Abteilung I (als in Abteilung II)
         2. Durch die Übertragung von Kapital von Abteilung II auf Abteilung I.«


(Tony Cliff: "Studie über Rosa Luxemburg", S. 50)

Für das erste Beispiel macht er folgende Rechnung auf:

Nun ergibt sich ein Überschuss der Produktionsmittel und eine Abnahme des Konsumtionssektors im Verhältnis zum Produktionssektor. Dieser Überschuss kommt dadurch zustande, weil Sektor II weniger kapitalisiert (statt 50% nur 33,3%) und dadurch der Kapitalist mehr selbst konsumiert und weniger konstantes Kapital nachfragt.

Für das 2. Beispiel, der Übertragung von Kapital von II nach I macht Cliff nun folgende Rechnung auf, bei der er davon ausgeht, dass die Hälfte des in Abteilung II produzierten Mehrwerts auf Abteilung I übertragen wird (Spalte
Übertr.):

Es ergibt sich bei Cliff immer eine Überproduktion in I, nicht in II. aber bei ihm nimmt auch richtigerweise das relative Gewicht des Sektors I gegenüber dem Sektor II zu. Das wichtigste bei Cliff ist aber sein Hinweis auf die Bedeutung von Rosa Luxemburg:

»Hätte Rosa Luxemburg nicht von einer Reihe anderer Faktoren wie dem Ansteigen der Mehrwertrate und der veränderten organischen Zusammensetzung des Kapitals abstrahiert, so wäre ihr Argument sogar noch stärker gewesen ... Werden sie noch mit berücksichtigt, so gewinnt Rosa Luxemburgs These, daß im reinen Kapitalismus ökonomische Disproportionalitäten unvermeidbare und permanente Begleiterscheinungen darstellen, außerordentlich an Gewicht.«


(Tony Cliff: "Studie über Rosa Luxemburg"
IS-Broschüre, S. 49)

»unzweifelhaft ist, dass Rosa Luxemburg durch ihren Hinweis auf die Auswirkungen der nicht-kapitalistischen Sphären auf die Stabilität des Kapitalismus einen unschätzbaren Beitrag geleistet hat. Wie Joan Robinson in ihrem Vorwort zur englischen Ausgabe der "Akkumulation des Kapitals" feststellt, würden "nur wenige bestreiten, daß die Ausbreitung des Kapitalismus auf neue Territorien die Haupttriebfeder dessen war, was ein akademischer Nationalökonom (Hicks) den "großen säkularen Aufschwung" der letzten zweihundert Jahre genannt hat, und viele akademische Nationalökonomen erklären die unangenehme Lage des Kapitalismus im zwanzigsten Jahrhundert weitgehend aus dem "Schließen der Grenzen" auf der ganzen Welt."«

(Tony Cliff: "Studie über Rosa Luxemburg", IS-Broschüre, S. 56

Keine weiteren willkürlichen Konstruktionen

So wie die Tabellen 1 und 2 von Marx und Luxemburg willkürlich konstruiert sind, so sind auch die Tabelle 3 und 4 von Tony Cliff willkürlich konstruiert. Er hatte in Tabelle 3 einfach für die Abteilung II eine niedrigere Akkumulationsrate wie Marx angenommen, und kam somit auf eine Überproduktion im Sektor I. Wenn man aber die gleichen Berechnungen für den Konsumsektor annimmt, nämlich auch eine Akkumulationsrate von 50%, dann resultiert daraus keine Überproduktion in I, sondern wie Luxemburg es feststellt, eine Unterproduktion, die Überproduktion geschieht im Sektor II, weil mehr vom Kapitalisten konsumiert wird und das konstante Kapital von II langsamer steigt als das bei I.

In Tabelle 4 wurde in II entsprechend nur die Hälfte wie bei Luxemburg akkumuliert, um die andere Hälfte nach I zu übertragen. Auch hier errechnet sich dadurch eine geringere Kapitalisierung und weniger Kapitalnachfrage bei den Produktionsmitteln.

Wenn man die gleichen Zahlen von Cliff (Tabelle 3) nimmt und nur die Akkumulationsrate gleichsetzt, wie Rosa Luxemburg, kommt man wieder auf eine Überproduktion in II:

Bei einer Akkumulationsrate von 50% und mehr hat man eine Unterproduktion im Sektor I. Gleichzeitig konstatieren wir ein ständig gleiches Verhältnis der beiden Sektoren von 3,33 zu 1.

Eine noch höhere Unterproduktion ergibt sich bei noch höherer Akkumulationsrate in I von 66,7%.

Die Tabelle 5 zeigt, dass das Verhältnis von Sektor I zu II immer gleich bleibt. Hier stimmt aber etwas nicht, weil ja c zu v immer größer wird. Die Tabelle zeigt zwar ein steigendes Verhältnis von Sektor I zu II, aber auch ein stetiges Verhältnis von c zu v, nämlich 5 bzw. 500%.

An dem Anfangsverhältnis von c zu v von 5 zu 1 ändert sich deshalb nichts, weil die Steigerung der organischen Zusammensetzung des Kapitals nicht eingerechnet wurde und weil auch die Akkumulation immer im gleichen Verhältnis auf c und v aufgeteilt wird. Es gibt immer entsprechende Nachfrage aus beiden Sektoren für die Waren.

Wenn man die Analyse darauf beschränkt, die Akkumulationsrate zu verändern, eine andere feste organische Zusammensetzung oder ein anderes Anfangskapital vom Sektor II einsetzt, oder nur eine Verschiebung von Mehrwert aus II nach I vornimmt, wird man Luxemburg nicht widerlegen können. Man produziert allenfalls ein anderes Konstrukt und begeht damit den gleichen mathematischen Fehler wie sie. Es wurde aufgezeigt, daß man mit neuen willkürlichen Modellen in Tabelle 5 und 6 Luxemburg beweisen kann, genauso, wie man mit 3 und 4 das Gegenteil beweist. Sie hatte einfach andere Bedingungen an der Formel von Marx gesetzt, nichts anderes hatten Bucharin und Cliff gemacht.

Die Überproduktion ist also bei Luxemburg nicht deshalb errechnet, weil sie mit einem höherem cII anfängt, nämlich 2.000 statt 1.500, wie das Cliff meint, sondern weil sie mit einer gleichen Akkumulationsrate in II wie in I rechnet.

Cliffs Behauptung stimmt nicht. Auch wenn sie mit 1.500 c in II angefangen hätte, würde daraus eine Unterproduktion in I resultieren, zwar eine geringere, aber auch eine Unterproduktion in I. Die Unterproduktion in I bzw. Überproduktion in II kommt dadurch zustande, weil sie bei der Akkumulationsrate mit 50% in II genau so viel ansetzt wie im Sektor I, Marx dagegen nur 20%. Damit wird weniger r vom Kapitalisten selbst konsumiert, also vom Sektor II nachgefragt.

Nun könnte man diesen Rechnungen noch eine fünfte Konstruktion, die man willkürlich festlegt, hinzufügen. Sicher kann man 100 Konstruktionen schaffen mit einem Überschuss in I und ebenso 100 mit einem Überschuss in II und damit scheinbar alles mögliche beweisen. Die Feststellung einer Überproduktion im Sektor II von Rosa Luxemburg muss aber richtig sein. Schließlich wird der Anteil des konstanten gegenüber dem variablen Kapital durch die technische Entwicklung immer größer. Ergo muss auch der Sektor II einen ständigen Überschuss produzieren, der dann zwangsweise nach I verschoben wird und dadurch der Sektor II relativ immer kleiner wird.

Bei der Frage, wie das Kapital von I gegenüber II wachsen kann, zeigt Cliff nur die zwei Beispiele auf, nämlich 1. durch eine höhere Akkumulationsrate in I oder 2. durch Übertragung von II nach I. Obwohl er öfters darauf hinweist, daß Luxemburg von der organischen Zusammensetzung des Kapitals abstrahiert, läßt er dies in diesem Moment, als er Beispiele aufzeigt, diese auch außen vor. Das ist aber die wesentliche 3. Möglichkeit, der Kapitalanteilssteigerung von 1.

Der Anteil von c steigt nicht automatisch, wie manche es aufzeigen. Tabelle 5, bei der die Akkumulationsrate in I und II mit 50% bei beiden Sektoren gleich ist, bleibt das Verhältnis von I und II immer mit dem Faktor 3,33 gleich. Die Ursache für die Veränderung von I zu II ist aber die Konkurrenz. Erst, wenn sie in Erscheinung tritt, muß das Kapital die Produktivität verändern. Maschinen mit höherem Kapitalanteil benötigen nur noch einen immer kleineren Teil von Arbeitern, um das gleiche zu produzieren.

Cliff selber stellt die Berechnungen der Realität vor, nachdem die organische Zusammensetzung des Kapitals sich dramatisch verändert hat. Z.B. die USA zeigten 1850 noch das Verhältnis von 100c zu 240v. 1920 hatte sich das Verhältnis umgekehrt: 100c zu 80v, das sind nur noch 1/3v. Bei Berücksichtigung der organischen Zusammensetzung erhalte ich eine Tabelle, die nicht nur das nächste X-beliebige Modell vorstellt, die das eine oder andere belegt, sondern bei der man, welche Voraussetzungen auch immer, eine Überproduktion im Sektor II erhält.

Sicher wird der inländische Markt unabhängig von Krisenschwankungen alle produzierten Waren immer theoretisch konsumieren können, auch den Mehrwert. Denn alles eingenommene Geld aus den verkauften Werten bildet wieder eine Nachfrage. Nur in welchem Sektor, bleibt zu fragen. D.h., das, was in II zuviel produziert wird, kann in I aufgenommen werden. Deshalb müssen die Sektoren I und II zusammen immer ausgeglichen sein. Welches Problem wir hier nur haben, ist die Anarchie des Marktes, aber dazu später. Die Unterproduktion in I bzw. die Überproduktion in II sieht bei einer Anteilssenkung von v dann folgendermaßen aus, wenn die anderen Bedingungen wie bei Marx gesetzt werden. Auch hier wie in der ganzen Polemik wird eine gleichbleibende Mehrwertrate von 100% vorausgesetzt.

Natürlich ist das konstante Kapital auch willkürlich gesetzt, es wurde nur irgendeine Erhöhung der organischen Zusammensetzung des Kapitals angenommen - von 400% bis 800% im Sektor I und 200% und 400% im Sektor II. Im Gegensatz zu allen vorhergehenden Modellen von Marx, Luxemburg oder Cliff kann man bei diesem Modell mit der Erhöhung der organischen Zusammensetzung des Kapitals alle möglichen logischen Voraussetzungen eingeben, es errechnet sich immer eine Überproduktion in II und gleichzeitig ein Wachstum der Werte von Sektor I zu Sektor II (2 - 2,63 - 3,97) oder c zu v (400% - 600% - 800% in I bzw. 200% - 300% - 400% in II).

Auch bei der Tabelle 3 von Cliff ergibt sich durch eine Einrechnung der steigenden organischen Zusammensetzung des Kapitals eine Unterproduktion in I bzw. eine Überproduktion in II, wobei die Steigerung willkürlich gesetzt wurde - von 500% bis 900% in I und 500 bis 600% in II.

Das Ergebnis ist eine ständige Unterproduktion im Sektor I bzw. eine Überproduktion im Sektor II bzw. eine immer höhere Verschiebung von II nach I, dabei gibt es im Gegensatz zu allen anderen Modellen zu der Überproduktion in II auch eine Erhöhung der Werte von I zu II bzw. des konstanten Kapitals zu variablem Kapital. Diese Überproduktion in I ist letztlich Ergebnis der Steigerung der Produktivität. Das Ergebnis der höheren organischen Zusammensetzung des Kapitals ist ein immer höherer Anteil von c und ein immer kleinerer von v. Dies findet seinen Ausdruck in dem immer höheren Faktor von WI zu WII.

Wir sehen also, dass die Schlussfolgerung von Rosa Luxemburg richtig ist, aber für ein Problem, das sie nicht beschrieben hat. Bei der Einbeziehung der organischen Zusammensetzung des Kapitals errechnet sich immer eine Überproduktion im Sektor II. Die Nachfrage nach Konsumgütern liegt immer unter den hergestellten Waren im Konsumtionsbereich. Diese Feststellung deckt sich mit der Feststellung von Marx auf Grund des Wertgesetzes:

»Der letzte Grund aller wirklichen Krisen bleibt immer die Armut und Konsumtionsbeschränkung der Massen gegenüber dem Trieb der kapitalistischen Produktion, die Produktivkräfte so zu entwickeln, als ob nur die absolute Konsumtionsfähigkeit der Gesellschaft ihre Grenze bilde.«

Karl Marx: "Kapital", Bd. III, MEW Bd. 25, S.501

Die Konkurrenz zwingt das Kapital ständig dazu, zu rationalisieren und damit den Anteil der Arbeit immer weiter zu drücken.

Im Konsumsektor ist die Nachfrage immer geringer als das Angebot und es droht damit eine ständige Überproduktion, wenn nicht das Kapital in den Produktionsmittelsektor I übertragen werden kann.

Im Gegensatz zu Rosa Luxemburg meine ich aber schon mit Cliff, wie vorhin beschrieben, daß es möglich ist, das Kapital nach I zu übertragen. Es ergibt sich aber ein anderes Problem.

Durch die Anarchie des Marktes, wird natürlich die Kapitalistenklasse nicht so schnell auf die Notwendigkeit reagieren, im Sektor I zu produzieren. Dadurch ergeben sich ständige Konkurse im Konsumbereich. Die anteilsmäßige Nachfrage nach Lebensmitteln wird immer geringer. Gleichzeitig steigt nicht entsprechend die Nachfrage nach Produktionsmitteln. Hier wird in der Realität die Nachfrage nur vollzogen, wenn das Kapital entsprechende Erwartungshaltungen an die Zukunft hat. Sie werden ihre Kapazitäten nur erweitern, wenn sie auch ziemlich sicher sind, daß es für die erweiterte Produktion eine Nachfrage gibt.

Deshalb stimmt natürlich die Übertragung der Produktion von II nach I nur in der Theorie. In der Realität geschieht diese Übertragung nur zeitverzögert, am Anfang eines kräftigen Booms in der Stärke, bei dem auch genügend Ersatzinvestitionen getätigt werden - also z.B. nachdem in einem Weltkrieg die Fabriken zerstört wurden.

Nun wird unabhängig von dem abstrakten Modell der Verkauf nach den nichtkapitalistischen Sphären wichtig. Die Landwirtschaft ist inzwischen auch schon durchkapitalisiert, so daß hier nur die unterentwickelten Länder bleiben.

Die Ausweitung der Produktion - Alleiniger Faktor für die Agonie des Kapitals?

Marx sah den Kapitalismus seinem Ende zugehen, indem er den tendenziellen Fall der Profitrate beschrieb und damit sah, dass mit dem Fall das »belebende Feuer des Kapitalismus erlischt«. Die ganzen Überlegungen, daß das Kapital expandieren müsse, setzt die Annahme von einer gleichbleibenden Profitrate voraus.

Was sind aber die Voraussetzungen für eine gleichbleibende Profitrate?

Aus jeder kleinen Produktivitätssteigerung ergibt sich entweder der tendenzielle Fall der Profitrate oder der Zwang zur Expansion.

Gehen wir von einer Ware aus mit folgender Zusammensetzung, wobei wieder die Mehrwertrate mit 100% bzw. die Umlaufgeschwindigkeit des variablen Kapitals unverändert bleibt:

nun beträgt die Profitrate m/(c+v) = 40/(60+40) = 40%
Der Kapitalist A kauft jetzt neue Mascinen und verdoppelt somit die Produktivität:

Dieb indiduelle Profitrate bei Kapitalist A = 50/70+20 = 55,6%
Aber nach kurzer Zeit kaufen die Konkurrenten ebenfalls die gleichen produktiven Maschinen und der Durchschnittswert der Waren sieht dann folgendermaßen aus:

Nun ergibt sich eine neue Durchschnittsprofitrate = 20/70+20 = 22,22%. Die Profitrate ist also von 40 auf 22,2% gesunken.

Um sie bei 40% zu halten, müsste der Verkauf des Neuwertes steigen um die Produktivitätssteigerung multipliziert mit dem Faktor des Anstiegs des konstanten Kapitals. Das sind 2 mal 70/60 oder 2 mal 1,17 = 2,33.

Nun erhalten wir wieder eine Profitrate von  20 x 2,33/70+20 x 2,33 = 46,75/116,67 = 40%.
Bei einer Verdoppelung der Produktivität müsste also die Ausdehnung des Marktes verdoppelt werden oder die Profitrate sinkt. Diese beiden theoretischen Alternativen gibt es.

Das Verhältnis von Marktumfang und Profitrate, d.h. entweder Handelsanstieg oder Profitratensteigerung sah auch Marx:

»Wenn durch Ausdehnung des fremden Handels - dasselbe wie Verbesserung in der Maschinerie - die food und die necessaries [Lebensmittel und Notwenigkeiten] des Arbeiter zu reduzierten Preisen auf den Markt gebracht werden können, so werden Profite steigen. Wenn nicht nicht.«

(Karl Marx: "Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie", Moskau 1941, S. 831)

Es ist also keineswegs eine neue Entdeckung von Rosa Luxemburg gewesen, dass der auswärtige Handel die Agonie des Kapitalismus aufhalten kann. Und er brachte dies gleich in Verbindung mit der Profitrate, was bei ihr vollkommen fehlt.

Wir haben nun zwei Scenarios, die das Ende des Kapitalismus beschreiben, die Verengung der Märkte und den Fall der Profitrate.`


Marx sah hauptsächlich den tendenziellen Fall der Profitrate und das "belebende Feuer des Kapitalismus erlöschen"

Luxemburg sieht schwerpunktmäßig den Todeskampf des Kapitalismus durch das Ende der Kapitalisierung der nichkapitalistischen Räumen. Im Grunde genommen besteht zwischen beiden Annahmen kein Widerspruch, sondern die Wahrheit liegt in der Mitte der beiden Argumente. Das Kapital ist bereit, wann immer weniger neue Märkte sich ihm erschließen, dieses mit einem weiteren Fall der Profitrate in Kauf zu nehmen.

Wenn Luxemburg behauptet, dass das Ende des Kapitalismus erreicht ist, wenn die nichtkapitalisierten Sphären kapitalisiert sind, dann geht sie von einer gleichbleibenden Profitrate aus. Wenn Marx den tendenziellen Fall der Profitrate sieht, dann geht er von einer Begrenzung des Marktes aus. Wenn man nun die Wahrheit irgendwo in der Mitte sieht, dann geht man von einer leichten Erweiterung des Marktes und von einem nicht so schnellen Fall der Profitrate aus, bzw. beides, wenn alle Länder kapitalisiert sind, dann steht die Profitrate bei Nul:

Durch die Berücksichtigung beider Faktoren kann das Ende des Kapitalismus länger hinausgezögert werden und man versteht eher seine lange Prosperitätphase. Andererseits kann man auch eher akzeptieren, dass es kein abstraktes mathematisches Ende gibt, sondern dasx es eine politische Aktion der Arbeiter ist, die zu einem Todeskampf des Kapitalismus führen müssen.

Zur Aktualität der Verengung der Märkte+

Diese Frage ist angesichts der Problematik in den Tigerstaaten wieder hochaktuell. Noch Anfang von 1997 schwärmte die kapitalistische Welt von den neuen Märkten, die in den boomenden Tigerstaaten entstehen. Ein Wirtschaftswachstum von 12% war in diesen Ländern in den 90er Jahren die Regel. Der Export von Kapitalgütern wuchs erstmals in der Geschichte des Kapitalismus unterentwickelte Länder schneller als der Export von Konsumgütern. Der

Imperialismus zei gte seine wahre Bedeutung, die +Ausweitung seines Kapitals und nicht nur die Suche nac Absatzmärkten:'

»Nach Fernost flossen bis vor kurzem gigantische Kapitalströme, sie kurbelten die Wirtschaft der großen und kleinen "Tiger" so lange an, wie die Region mit Billiglöhnen und Produktivität locken konnte.«

(Der Spiegel' Nr. 45/3.11.97, S. 134)

Damit die Metropole ihre Absatzmärkte auch ausweiten konnte, benötigten sie entwickelte Wirtschaften. Die Tigerstaaten entwickelten sich anfangs mit »amerikanischer Unterstützung, einer enormen Erhöhung der US-Militäranschaffungen für den Vietnamkrieg« (Chris Harman: 'Stehen die Tiger vor der Ausrottung?". Artikel im KK 13)

»Das kennzeichnende Merkmal ihrer Entwicklung von den 70er Jahren an war die Exportorientierung. Sie haben es erreicht, sich eine zunehmend große Nische auf den Weltmärkten einzurichten, indem sie leicht veraltete und vom Westen gekaufte Technologie mit Niedriglohn-Arbeit kombinierten. Auf diese Weise gelang es ihnen, von Textilien zu Eisen und Stahl, Schiffbau, Produktion von Technologiekomponenten und -zubehör und schließlich zum Autobau überzugehen.«

(Chris Harman: 'Stehen die Tiger vor der Ausrottung?". Artikel im KK 13)

In den ehemals agrarischen Ländern konnte sich die Profitrate schnell vom Nullpunkt entwickeln. Nachdem aber die Mutterländer annähernd erreicht sind, muß das Wachstum die behäbige Form dieser annehmen und die Krisen sich zerstörischer auswirken. Rasant entwickelten sich die Löhne. In Südkorea z.B. verdienten die Arbeiter schon mehr als in dem Mutterland des Imperialismus England. Dies konnte nur zu Bankrotts und Finanzkrisen führen. Eine Krise in diesen Ländern wird aber auf die imperialistischen Mutterländer zurück wirken.

»In Seoul (Südkorea) legen Streiks die Wirtschaft lahm, der Stahlriese Hanbo geht bankrott, der drittgrößte Autohersteller Kia sucht bei der Regierung Schutz vor Gläubigern. In Jakarta (Indonesien) verliert die Währung an einem einzigen Oktobertag 8,5 Prozent ihres Wertes gegenüber dem Dollar, auch diese asiatische Regierung muß, welche Erniedrigung, welcher Gesichtsvelust, beim IWF um Milliardenkredite betteln.

Die Wirtschaft im Muster-Stadtstaat Singapur wächst im ersten Quartal 1997 gerade mal um 3,8 Prozent, gemessen an früher ein lächerlicher Wert. ...«

(Der Spiegel' Nr. 45/3.11.97, S. 128)

Ende 1997 / Anfang '98 überschlugen sich die negativen Nachrichten von den untergehenden Tigerstaaten:

»Besonders betroffen ist womöglich die bayerische Firma Krones, Weltmarktführer bei Getränkeabfüllanlagen. Das Unternehmen erwirtschaftete 1996 ein Viertel seines Umsatzes in den Tigerstaaten. Schwieriger wird es vor allem für die deutschen Maschinenbauer werden...
Fatal für Firmen wie den Baukonzern Bilfinger und Berger, der bisher mindestens ein Viertel seines Umsatzes im asiatisch-pazifischen Raum erwirtschaftet hat...

Im kalifornischen Orange Country, das wie kein anderer Landstrich in Amerika von Exporten nach Asien abhängig ist, registrieren Firmen 20 bis 40 Prozent weniger Verkäufe nach Japan, Südkorea, Indonesien oder Malaysia - Tausende von Jobs sind in Gefahr.

Investoren wie Manager der großen US-Fondsgesellschaften sind in Alarmbereitschaft. Mark Holowesko, Manager des Anlageriesen Templeton, rechnet als Folge der Asienkrise mit einem Kurssturz von bis zu 30 Prozent an der Wall Street: "Das Risiko, in Amerika zu investieren, ist derzeit genauso groß wie in Asien."«

»Die ganzen Kapitalisten, die in der Hoffnung auf schnellen Profit Geld in das Gebiet gesteckt haben, haben nun Angst, es zu verlieren und ziehen ihr Kapital wieder zurück. Das hat umgekehrt eine Serie von Währungsentwertungen verursacht, einen rapiden Verfall der Grundstückspreise und enormen Schaden für die Bankensysteme.«

(Chris Harman: 'Stehen die Tiger vor der Ausrottung?". Artikel im KK 13)

Mit den Kapitalströmen schufen die Metropole sich neue Konkurrenten. Die Tigerstaaten entwickelten sich selbständig und entglitten der Kontrolle der imperialistischen Staaten. Der Imperialismus zog sein Geld zurück und erpresste die "Emporkömmlinge", dass sie ihre Ware nicht in die Mutterländer als Konkurrenten exportieren solle. Besonders die USA betrieben diese Erpressungsmanöver mit Handelskriegdrohungen offen und direkt, indem es Südkorea aufforderte, den Export von Autos zu dämpfen.'

Dies geschah zusätzlich zur eigenen Verengung der Märkte und der Investitionskrise auf Grund der Lohnsteigerung, die den ursprünglichen Billiglöhnen folgte.

Der Crash in den Tigerstaaten braucht nicht unbedingt deren sofortiges Ende herbeizuführen. Diese Entwicklung kennzeichnet aber, wie die "Emporkömmlinge" nach wie vor von den Mutterländern abhängig sind und wie schnell sie, kaum dass sie sich entwickelt haben, in die Agonie des Imperialismus mit hinein gerissen werden. Es kennzeichnet das bevorstehende Ende an sich.

In den Metropolen wanderte das Kapital in den 80er Jahren ab, weil die Löhne in Südkorea billiger waren als in den Heimatländern. Anfang der 90er wanderte das Kapital aus Südkorea nach Malaysia ab, weil dort die Löhne billiger waren. 1997 wurden dort bereits die ersten Betriebe geschlossen und das Kapital suchte sich billigere Löhne in Vietnam. Auch wenn es sich dort noch mal trotz fehlender Infrastruktur etablieren sollte, wohin soll es dann noch abwandern? In die Wüste Gobi oder in den Himalaya?

Je schneller sich die auswärtigen Absatz- und Finanzmärkte verengen, umso stärker wird dies auf die Mutterländer seine Rückwirkung haben.

Sicher wird der Kapitalismus nicht in 5 Jahren seine letzten Atemzüge machen und eine Revolution oder ein letzter Weltkrieg sein Ende markieren. Diese Entwicklung bestätigt aber die Bedeutung von Rosa Luxemburg, die sie mit ihrem Hinweis auf die Verengung der Märkte wieder bestätigt hat. Mag Bucharin auch in seiner Kritik an ihren Rechnungen recht gehabt haben, er konnte ihr als Visionärin und Parteiführerin nicht das Wasser rechen, im Gegenteil, er kuschte kläglich vor den Zwängen des Marktes, indem er sich Stalin und seiner Bürokratenlogik unterordnete.

Nur Cliff hatte trotz seiner zum Teil gerechtfertigten Kritik ihre Bedeutung erkannt und aufgezeigt, dass es »unzweifelhaft ist, dass Rosa Luxemburg durch ihren Hinweis auf die Auswirkungen der nicht-kapitalistischen Sphären auf die Stabilität des Kapitalismus einen unschätzbaren Beitrag geleistet hat.«

Welchen Beitrag, das können wir heute in den Tigerstaaten und den folgenden erst kleinen Börsenkrachs in der ganzen Welt sehen.

Norbert Nelte

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