Von Hegels Idealismus bis zum historischen Materialismus von Marx


Norbert Nelte - 23.09.2015 - Philosophie

Wer trifft die Entscheidungen, Dein Wille oder ist Dein Wille nicht schon vorgeprägt von dem Sein, von den Sachzwängen, darf ich das überhaupt. Oder prägt das Sein z.B. Deines Elternhauses Dein Bewusstsein?

In der Urzeit war noch alles ganz einfach. Der Mensch in den herrschaftslosen Stammesgesellschaften erklärte sich die Welt so, dass sie natürlich nach dem Willen der Gruppe, des Gens funktionierte. Wir wollen etwas zu essen haben, also jagen wir Tiere. Ein Ich, ein Individuum gab es noch nicht, denn einer konnte noch gar nicht alleine überleben. Ein Ich gab es erst ab der Aufklärung.

Das gesellschaftliche Sein prägte zwar schon das Bewusstsein, aber zwischen Sein und Bewusstsein gab es noch keine Widersprüche, der Mensch war von sich selber noch nicht getrennt. Also herrschten noch paradiesische Zustände.

Aber etwa vor 7.000 Jahren nach der Eroberung des Patriarchats, der Herrschaft der Männer, über das basisdemokratische Mutterrecht und der Klassenherrschaft der Könige und Fürsten wurde es schon komplizierter. Tiere durfte die Gruppe gar nicht mehr jagen, das war dem Adel vorbehalten. Also stellte sich die Frage, wenn der Wille gar nicht mehr entscheidet, wie kommen die Entscheidungen dann zustande? Zwischen Sein und das Bewusstsein taten sich Widersprüche auf.

Die Griechen in der Antike hatten bereits neben der idealistischen auch eine mechanizistische, atomistische materialistische Geschichtsauffassung und versuchten die Welt auf materialistische Weise zu erklären. Demokrit (460 vor u Z. – 375 vor u Z.) nahm nach seinem Aufenthalt in Babylon an, die Welt bestehe aus harten, undurchdringlichen unteilbaren Atomen. „Nur scheinbar hat ein Ding eine Farbe, nur scheinbar ist es süß oder bitter; in Wirklichkeit gibt es nur Atome im leeren Raum.“

Veränderung kam für ihn nur zustande aus der mechanischen bereits von Anbeginn an innewohnende Bewegung im Leeren durch die gegenseitigen Beziehungen dieser verschiedenartigen Atome. Diese materialistischen Theorieansätze wurden mit dem Untergang der griechischen Slavenhaltergesellschaft verschüttet.
Für das dunkle Mittelalter war nur Gott das Ideal und es gab keine Entwicklung, so, als wenn die Welt förmlich stehen blieb, die Bewegung war des Teufels.

Erst einmal löste sich Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) nach der Aufklärung von dem starren Idealismus. Er untersuchte die Dynamik der Bewegung.

Sie kann am Beispiel eines Samens und dem Apfelbaumes erklärt werden. Der Apfel fällt nach dem Reifeprozess vom Baum und der Samen nach dessen Vermoderung wird vom Regen in die Erde gegraben. Der Samen ist die Negation des Baumes. Aus dem Samen wächst wieder ein neuer Baum, also die Negation des Samens. Den ganzen Prozess nannte Hegel Negation der Negation.

Die Pflanze verliert sich nicht in der bloßen Veränderung. So im Keim der Pflanze. Es ist dem Keim nichts anzusehen. Er hat den Trieb, sich zu entwickeln; er kann es nicht aushalten nur an sich zu sein. Der Trieb ist der Widerspruch, dass er nur an sich ist und es doch nicht sein soll. Der Trieb setzt in die Existenz heraus. Es kommt vielfaches hervor; das ist aber alles im Keime schon enthalten, freilich nicht entwickelt, sondern eingehüllt und ideell. Die Vollendung dieses Heraussetzens tritt ein, es setzt sich ein Ziel. Das höchste Außersichkommen ist die Frucht, d. h. die Hervorbringung des Keims, die Rückkehr zumersten Zustande.“ (GP I 41 – Wikipeia)

Mit anderen Worten drückte Hegel die Veränderung des Baumes in den Samen auch aus, dass die Quantität in eine neue Qualität umgeschlagen  ist. Existenz ist Veränderung. Die ständige Veränderung, der Kreislauf, das treibende Moment in der Bewegung, die Dialektik ist das große Werk Hegels. Insofern war dieser Gedanke revolutionär und der Grund, warum sich Marx als Student in Bonn den linken Junghegelianern anschloss. Hegel war auch begeisterter Napoleon Anhänger und bezeichnete ihn in Jena 1806 als „Weltseele“

Im Alter aber söhnte sich Hegel mit dem preußischen Staat aus und entwickelte die Idee von der „absoluten Idee“oder vom „absoluter Geist“. Alles war in Bewegung bis zum absoluten Geist, bis zum preußischen König und dem Gott der Christen, nun trat wieder der mittelalterliche Stillstand ein. Mit seinem Gottesglauben wurde Hegel zum Reaktionär.

Ludwig Feuerbach (1804-1872) kritisierte die Absolute Idee, den Idealismus von Hegel und seine Religion. In seinem Hauptwerk „Das Wesen des Christentums“ (1841) war der verstehende Teil doppelt so lang wie der kritische Teil. In zwölf Kapiteln versuchte Feuerbach, die wichtigsten „Geheimnisse“ des christlichen Glaubens nacheinander zu deuten, indem er ihren anthropologischen Gehalt herausschälte: „Wenn die Religion sagt, Gott liebe den Menschen, so bedeute das: „Das Höchste ist die Liebe des Menschen“. „Die Religion ist die Reflexion, die Spiegelung des menschlichen Wesens in sich selbst.“ „Gott ist das offenbare Innere, das ausgesprochene Selbst des Menschen „Gott ist der Spiegel des Menschen.“
Sein anthropologischer Materialismus fasste aber die Gesellschaft wieder als statischen Zustand auf und ließ damit alle dynamischen Elemente fallen, die bei Hegel noch angelegt waren. Er sagte, das Sein bestimme das Bewusstsein, konnte aber nur damit überhaupt nicht die Veränderung erklären.

Marx übernahm seine Religionskritik, füllte aber die Politik und die Ökonomie hinzu. Nach ihm war die Religion nur der Überbau der kapitalistischen Gesellschaft. Wenn der Überbau einer Gesellschaftsform abwesend ist, bleiben ja trotzdem die Produktionsverhältnisse bestehen und nichts hat sich geändert. Vielleicht hat der von Feuerbach Bekehrte sich ja auch eine Ersatzreligion wie Nationalismus oder Rassismus gesucht.

Es ist klar, wenn Du dem Menschen die Religion nimmst, musst Du ihm die Wirklichkeit seiner eigenen Würde zurückgeben. Im „Das Wesen des Christentums“ drückt Feuerbach das klar aus, was er ihm eigentlich zurückgeben müsste: »Was dem Menschen Gott ist, das ist sein Geist, seine Seele, und was des Menschen Geist, seine Seele, sein Herz, das ist sein Gott: Gott ist das offenbare Interesse, das ausgesprochne Selbst des Menschen; die Religion ist die feierliche Umhüllung der verborgnen Schätze der Menschen...«

Aber genau so klar ist, wenn Du dem Menschen seinen Gott mit seinem Geist und seiner Seele wieder weg nimmst, musst Du dem Menschen sein Geist und seine Seele auch wieder zurückgeben, und das hat Karl Marx (1818-1883) mit seinem politischen Kampf gegen die Entfremdung vollzogen. Die Entfremdung bei Marx ist das Ergebnis davon, dass de arbeitende Mensch von dem Ergebnis seiner Arbeit getrennt wird. Der Mensch realisiert sich als Mensch mit seiner Arbeit. Da ihm aber das Produkt wieder entzogen wird, wird der Realisierungsakt plötzlich unterbrochen und der Mensch existiert nur halb, ohne Rumpf und Kopf, zerrissen.
Der Arbeiter erhält nur den Lohn, den Tauschwert seiner Arbeitskraft. Er wird zur Ware, nicht nur, dass er zerrissen ist. Er ist außer sich, elendig entäußert.„Das Elend des Arbeiters steht im umgekehrten Verhältnis zur Macht und zur Größe seiner Produktion.“ (Karl Marx: Ökonomisch philosophische Manuskripte (1844), Die entfremdete Arbeit)

Marx übernimmt einerseits die Dialektik von Hegel und andererseits den Materialismus von Feuerbach, aber nicht eklektizistisch, sondern entwickelt anhand der historischen Ökonomien ein neues Materialismusgebäude.

Marx sah die Grundlage für die Dynamik in den Gesellschaften in der jeweiligen Produktionskraft, also im Sein, anders als Hegel, der im Bewusstsein die Dynamik sieht. Die Produktionskraft entwickelt der Mensch bewusst weiter. Ihm ist aber nicht bewusst, dass er damit auch die Produktionsverhältnisse weiter treibt.

James Watt wusste zwar, dass er mit seiner Weiterentwicklung der Dampfmaschine die Pferdestärke erhöhte, aber er wusste nicht, dass er damit die Voraussetzung für das Ende des Feudalismus und die Einführung des Kapitalismus schuf. Das gleiche gilt jetzt für den Container und das Internet. Das Internet wurde vom CIA entwickelt. Sie übergaben es Microsoft in der Hoffnung, damit die Daten  der Menschen ausspionieren zu können. Dass sie damit aber zusammen mit dem Container auch die Grundlagen für die Globalisierung, die Ungleichgewichte in dem Welthandel, und den Niedergang des Kapitalismus gelegt hatten, war dem CIA nicht klar, sonst hätte er das Internet einfach für sich behalten. Also der Mensch treibt die Geschichte halb bewusst, halb unbewusst voran, nicht nach freien Stücken, wie Marx sagt.

In seinem Buch „Zur Kritik der Politischen Ökonomie. Vorwort“, (MEW, Bd. 13, S.9) fasst Marx seinen Gedanken in der prägnanten Formel zusammen: »Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das  ihr Sein, sondern  umgekehrt, ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.«

Natürlich ist das kurz- bis mittelfristig immer ein Wechselprozess. Es gibt immer Menschen, die ihrer Zeit weit voraus sind, wie Marx selber gut 300 Jahre, und solche, wie die Dschihadisten, die gut 300 Jahre zurück sind. Aber Marx ist nicht denkbar im Jahre Null. Und außerdem war sein Vater Anwalt, ein wohlhabendes Elternhaus also, und das ist wiederum das Sein. Aber er hätte genauso gut rechter bürgerlicher Philosoph werden können. Also ein Fünkchen Bewusstsein entscheidet schon. Aber der Satz, dass das gesellschaftliches Sein bestimmt, muss man so verstehen, dass der Durchschnitt von Marx und dem Dschihadisten entscheidet.

Engels   beschreibt   die   marxistische Entdeckung des Vorantreibens  der Geschichte des Menschen in der Schrift „Das Begräbnis von Karl Marx“ (MEW, Bd. 19, S. 335, 336):  »Wie Darwin das Gesetz der Entwicklung der organischen Natur, so entdeckte   Marx   das   Entwicklungsgesetz   der   menschlichen Geschichte:   die   bisher   unter   ideologischen   Überwucherungen verdeckte einfache Tatsache, dass die Menschen vor allen Dingen zuerst essen, trinken, wohnen und sich kleiden müssen, ehe sie Politik, Wissenschaft, Kunst, Religion usw. treiben können, dass also die Produktion der unmittelbaren materiellen Lebensmittel und   damit   die   jeweilige   ökonomische  Entwicklungsstufe   eines Volkes oder eines Zeitabschnitts die Grundlage bildet, aus der sich Staatseinrichtungen, die Rechtsanschauungen, die Kunst und selbst   die   religiösen   Vorstellungen   der   Menschen   entwickelt haben, und aus der sie daher auch erklärt werden müssen - nicht wie bisher geschehen, umgekehrt.«

Wir haben anfangs schon gezeigt, dass in der Urzeit das Sein und das Bewusstsein identisch waren. Erst ab der ersten Klassenherrschaft, der Sklavenherrschaft vor 7.000 Jahren in Mesopotamien, dem Industal und Ägypten entwickelte sich mit der Privatisierung des Ackers das Patriarchat und das Königstum und Sein und Bewusstsein klafften nun auseinander. Der Mensch, der Plebejer entschied nur noch über den Teil seiner Wertschöpfung, den er für die eigene Reproduktion benötigte und der Sklave über gar nichts mehr. Am Sklaven kann man am klarsten zeigen, dass sein Bewusstsein gar nichts zu melden hatte. Man konnte sich höchstens, wie Spartakus einer Revolte anschließen und dann? Konnte man auch nichts machen, nur Sklave werden.

So mussten erst die Produktivkräfte erweitert werden. Und das wurden sie etwa 1.000 nach Christus mit dem bei den Mauren in Spanien weiter entwickelten Mühlensystem und der Dreifelderwirtschaft. Die Dreifelderwirtschaft benötigte den Leibeigenen, der mitdachte und mitverdiente, keinen Sklaven. Mühlen wurden nie krank.

Der Feudalismus war also ein viel produktiveres System als die Sklavenhaltergesellschaft. Die Mauren  förderten die Entwicklungen und Forschungen im spanischen al andalus in der Medizin, Mathematik, Dekadensystem, Kanalisation, Kriegstechnik Wissenschaft, Universitäten, Musik, z. B. hat im 9. Jahrhundert Ibn Parnass in al Andalus schon den ersten Flugversuch unternommen und flog mehrere 100 Meter. Nun konnte Europa schneller zur Renaissance und zur Aufklärung kommen. Dann ging es in Riesenschritten zur Revolution, zur Dampfmaschine und zum Kapitalismus.

Dieses Voranschreiten befreite die Menschen von der Hölle und klärte den Menschen in allen Wissenschaften auf, z.B., dass es neben dem Mann noch einen andern Menschen gibt, die Frau. Das war bis zur Aufklärung 2.000 Jahre lang unbekannt. Auch hier brachte die Vorantreibung der Produktionsverhältnisse das Bewusstsein voran.

Nach der Dampfmaschine kennen wir die Entwicklung: Eisenbahn, Auto, Flugzeug, Computer, Roboter, Rente, Krankenkasse. Als es noch keine Krankenkasse gab, bekamen die Menschen 10 Kinder, jetzt mit Krankenkasse eins bis Zwei. Da hat das Sein gewaltig und mit großer Macht das Bewusstsein verändert.

Dadurch, dass man mit dem Computer Schrauben in Vietnam bestellen kann und mit dem Container billigst hierher geliefert bekommt wurden die Ungleichgewichte des Kapitalismus auf das Extremste ausgedehnt.

Die Profitrate ist schon längst unter den Finanzzinssatz gefallen.

  1. Die Zusammensetzung des Kapitals hat mit 94% Kapital in der Ware seinen Höhepunkt erreicht. Die Kostensenkung werden immer öfters mit kriminellen Methoden wie jetzt VW beim Diesel-Katalysator in den USA vorgenommen.
  2. Die Grenzen des Marktes sind mit China und Brasilien verstopft.

Wir stehen vor der letzten kämpferischen Revolution in der Welt. Sie wird wahrscheinlich dieses mal um 2020 zuerst in Südamerika vollzogen, weil hier die Widersprüche schon am stärksten auftraten, über 400 wirklich selbstverwaltete Betriebe existieren und die Linke schon groß und erfolgreich ist.

Bis 2030 wir die ganze Welt nachgefolgt sein und die ganze Welt wird sich zu einen Staat zusammenschließen wie 2022 16 Staaten zur Siwjetunion. Danach wird es laufend Revolutionen geben, weil es keinen Endstaat wie bei Hegel geben wird. Die Arbeiterklasse wird alle Menschen zu sich herabziehen, wie Marx sich ausgedrückt hat, bis es nur noch Menschen gibt.

Es gibt dann keine Klassengegensätze mehr und alle künftigen Revolutionen werden dann nicht mehr mit der Gewalt, sondern mit der Vernunft durchgeführt.

Da alle Staaten heute in Wirklichkeit dahindümpeln, alle, werden ziemlich schnell schon nach 2020 Sein und Bewusstsein wieder wie in der Naturgesellschaft sich decken und nach 2030 ziemlich schnell das Geld abgeschafft und der Weltstaat als Unterdrückerstaat für die Großinvestoren absterben und mit den Staaten auch die Religionen. Es gibt dann nur noch Verwaltungen. Parteien werden absterben.

Diese Welt werden die meisten von uns noch erleben. Der Mensch ist dann wieder ganz in sich selber, spontan und überlegt zugleich, geschmeidig und selbstbewusst, nicht mehr verbildet greift er nach den Sternen, alle Menschen begrüßen die 150.000 Jahre Kultur des modernen Menschen und  alle werden mit ihrem ganzen Wissen alle Grenzen sprengen. Was heute Gott ist, wird dann wieder ganz zum Menschen

Norbert Nelte

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