Warum gab es nach 1917 noch keine erfolgreiche Revolution, muss der Mensch untergehen?

Norbert Nelte - 4.2.1918 - Basisdemokratie

Der Kapitalismus steht vor dem Aus, das ist jedem aufmerksamen Beobachter inzwischen klar. Seit 1995 wachsen weltweit die Schulden in jedem Staat dreimal so schnell wie das Welt-BIP
(siehe Der Gipfel der Realitätsverweigerung: Wie wir blauäugig auf den Crash zusteuern, Chart S. 4)

Warum sind wir uns trotzdem sicher, dass ein Übergang zu einem sozialistischen System im marxistischen Sinne kommen wird.

Die Revolution von 1917 in Russland gab es nur deshalb am Anfang des Kapitalismus, weil die russische einflussreichste Bourgeoisie, die Großgrundbesitzer noch zu sehr mit dem Adel verflechtet waren, also ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben.

Am Anfang des Kapitalismus geht eine normale Revolution gar nicht, weil die Produktionskräfte noch gar nicht genug entwickelt sind. So war eigentlich der Weg zu Stalin nicht überraschend.

Friedrich Engels schreibt in dem Buch "Der deutsche Bauernkrieg":
»Es ist das Schlimmste, was dem Führer einer extremen Partei widerfahren kann, wenn er gezwungen wird, in einer Epoche die Regierung zu übernehmen, wo die Bewegung noch nicht reif ist für die Herrschaft dieser Klasse, die er vertritt, und für die Durchführung der Maßregeln, die die Herrschaft dieser Klasse erfordert ... Er findet sich notwendigerweise in einem unlösbaren Dilemma: was er tun kann, widerspricht seinem ganzen bisherigen Auftreten, seinen Prinzipien und den unmittelbaren Interessen seiner Partei, und was er tun soll, ist nicht durchzuführen. Er ist, mit einem Wort, gezwungen, nicht seine Partei, seine Klasse, sondern die Klasse zu vertreten, für deren Herrschaft die Bewegung gerade reif ist. Er muss im Interesse der Bewegung selbst die Interessen einer ihm fremden Klasse durchführen und seine eigene Klasse mit Phrasen und Versprechungen, mit der Beteuerung abfertigen, dass die Interessen jener fremden Klasse ihre eigenen sind. Wer in diese schiefe Stellung gerät, ist unrettbar verloren.«
F. Engels: "Der deutsche Bauernkrieg", MEW 7, Berlin 1960, S. 400

Lenin selber kannte den Unterschied vom Anfang und Ende, deshalb forderte er ja vor 1917 eine Arbeiter und Bauerndiktatur. Die Arbeiterbewegung von 1917 riss ihn aber mit, weshalb er dann wie Trotzki auch für die Arbeiterräte (Sowjets) war und die Aprilthesen dann vortrug. „Aufklärung der Massen darüber, dass die Sowjets der Arbeiterdeputierten die einzig mögliche Form der revolutionären Regierung sind...von den Sowjets der Arbeiterdeputierten zu dieser [dem bürgerlichen Parlament] zurückzukehren wäre ein Schritt rückwärts.“

So war bei Lenin die einmalige Wahlaussetzung eine Not, bei Stalin aber wurde die Diktatur eine Tugend.

Kein einziger seiner alten Parteigänger hat dies aber verstanden, weshalb sie alle Stalin in die Diktatur folgten und Trotzki ausgewiesen wurde. Die Arbeiterklasse mit 2% Anteil der Bevölkerung war noch zu schwach, um dem was entgegensetzen zu können und gegen die Abschaffung 1928 der Arbeiterräte vorzugehen.


Und wir sehen ja. Auch Moskau konnte sich unter dem Kapitalismus noch enorm weiter entwickeln.

Genauso war das mit allen nachfolgenden Revolutionsversuchen von Spanien 1936 bis Iran 1979,

Der Kapitalismus konnte insgesamt noch auch für die Arbeiterklasse entwickelt werden, nur die jeweiligen lokalen Bourgeoisien machten ihre Hausaufgaben nicht. Nach der Niederschlagung der Nelken-revolution 1974 konnte der Lebensstandard in der EU dann immerhin noch vervielfacht hat. Ich habe in Spanien 1968 zur Franco Ära noch Frauen fotografiert, die ihre Wäsche im Bach gewaschen haben.

Rosa Luxemburg sagt ganz klar in ihrer Schrift „Sozialreform oder Revolution?“
 „Ohne Zusammenbruch des Kapitalismus ist die Expropriation der Kapitalistenklasse unmöglich“ (Rosa Luxemburg, Sozialreform oder Revolution, S. 42)

Seit 1982 wird nun der Warenkorb für die Arbeiterklasse nicht mehr voller, in den USA schon ab 1970. Ab hier nun wäre eine Revolution möglich gewesen. Spätestens ab 2008, seitdem der Kapitalismus zusammengebrochen ist und nur durch Statistiklügen, fiktiven Gewinnen und Shareholder Wetten aufrechterhalten wird und der Reallohn im Durchschnitt sinkt hätte ein Aufstand oder eine Revolution erfolgen können und müssen.


Aber das Werk Stalins mit der Diktatur und 60 Millionen Tote war so niederschlagend, dass man noch in hunderten Jahren nicht vom Kommunismus reden kann. Auch wenn man den Menschen lang und breit erklärt, dass marxistischer Sozialismus in Wirklichkeit erst richtige Demokratie, Basisräte von unten bedeutet, bei denen der Wähler entscheidet und der –Abgeordnete den Wählerwillen ausführen muss, kommen sie immer wieder auf Stalin und Ulbricht zurück. Das liegt Meilen tief im Gehirn.

Auch wenn es Stalin nicht gegeben hätte, wäre er vom CIA erfunden worden. Es stellt sich sowieso die Frage, ob die Vereinigten Staaten an der Konterevolution mitgearbeitet haben.

Schon 1922 hatten sie scheinbar schon unter Lenin ihre Wühlarbeit begonnen. Lenin schickt eine Kurznotiz an Trotzki:


»Ich habe soeben zwei Briefe von Tschitscherin [Außenminister der SU, Nachfolger Trotzkis] erhalten (vom 20. und 22. 1922). Er stellt darin die Frage, ob man nicht gegen eine anständige Kompensation kleinen Änderungen unserer Verfassung zustimmen sollte, nämlich der Vertretung der parasitären Elemente in den Sowjets, den Amerikanern zu Gefallen. Dieser Vorschlag Tschitscherins zeigt, meiner Meinung nach, dass man ihn unverzüglich in ein Sanatorium schicken sollte, jegliches Gewährenlassen,  jede Verzögerung und so  weiter  bedeutet  meiner  Meinung nach die größte Gefahr für alle Verhandlungen.« (Trotzki, Mein Leben mit  Bildern, S. 248)

Dazu muss man noch Sagen, dass Tschitscherin zwar kein Marxist war, aber ein absoluter Kriegsgegner, weshalb er treu zur Sowjetregierung stand.

Man muss sich fragen, warum die Couponschneider in die Räte nur zum Gefallen der Amerikaner sollen, warum nicht auch zum Gefallen der Deutschen, mit denen Tschetscherin ja in Rapallo die gegenseitige Anerkennung und weiteres Interesse der Zusammenarbeit ausarbeitete, oder zum Gefallen der Engländer.

Da haben bestimmt die US-Amerikaner schon solche dämlichen Deals vorgeschlagen. Schon Trotzki berichtet ja von dümmlichen Fragen der Amis, obwohl der Seperatsfriedensplan mit den Deutschen in allen ihrer Zeitungen stand

„Am 18. November (1917) besuchte mich im Smolny unerwartet der General Jodsen, der Chef der amerikanischen Mission. Er schickte voraus, dass er noch keine Möglichkeit habe, im   Namen der amerikanischen Regierung zu sprechen, aber er hoffe, dass alles allright sein werde, ob die Sowjetregierung die Liquidierung des Krieges gemeinsam mit den Alliierten anstrebe? (Trotzki, Mein Leben mit  Bildern, S. 70)

So werden die Amerikaner ihre dümmlichen Fragen und Deals sicher nach 1924 bei Stalin weiter gemacht haben. Und ich weiß nicht, ob Stalin, bei solchen Fragen wie Lenin immer ein klares Nein gesagt hätte. Jedenfalls hat Stalins Diktatur alle Menschen vom Kommunismus gehörig abgeschreckt haben.

Die 68 Studentenbewegung der Stalinisten kam ja auch aus Amerika, da könnte der CIA auch seine Finger mit im Spiel gehabt haben. Erst alle östlichen Regierungen trichtern den Menschen ein, das Kommunismus Diktatur und Blut ist, dann die Studentenbewegung und alle westlichen Regierungen. Das ist scheinbar für alle zuviel, so, dass sogar so aufgeklärte, offene und tolerante Menschen wie Ken Jebsen und Ernt Wolff (ab 1:10) auf die Hetze reingefallen sind.

„Mit ein paar hundert Leuten den Putsch gemacht, die Geheimpolizei hat das größte Terrorregime aufgebaut“ sagt Ernst Wolff. Dabei ist es klar, dass die Politiker, nachdem ihnen die Macht genommen wurde, wüste Geschichten über die Revolutionäre geschrieben haben.

Zu den paar hundert Leuten ist zu sagen, dass 95% der Armee und 80% aller Zivilpersonen  da mitgemacht haben, sonst hätten sie gar nicht gegen die 16 imperialistische Staaten gewinnen können. Es waren Hunderttausende, in jeder Stadt.


Lenin meinte mit dem „gib mir hunderte Menschen“  hundert Kader, und er kann die Weilt aus den Angeln heben. Zum Terrorregime ist zu sagen, dass die Arbeiterklasse 1921 nur 3% betrug und man deshalb in den Arbeiterrräten vorübergehend die Wahlen aussetzte, vielleicht 1, 2 Legilaturen, kalkulierten sie. Bis zu Lenins Tod 1924 bestand aber das Recht auf Kritik weiter Es gab immer noch lebendige Diskussionen, in denen auch von Gruppen die Führung kritisiert wurde. »Selbst nach 1921 wurde das Programm der 'Arbeiteropposition' in einer Auflage von einviertel Million von der Partei selbst gedruckt; zwei  Mitglieder der 'Arbeiteropposition wurden ins Zentralkomitee gewählt. Als sich 1923 die 'Linke Opposition' bildete,  konnte sie immerhin noch ihre Ansichten  in der 'Prawda' veröffentlichen.« (Chris Harman, "Russland, wid die Revolution scheiterte.", Seite 17)

1923 schon beschloss das ZK der KP einstimmig »Die negativen Erscheinungen der letzten Monate sowohl im Leben der gesamten Arbeiterklasse wie auch innerhalb der Partei führen notwendigerweise zu der Schlussfolgerung, dass sowohl im Interesse des erfolgreichen Kampfes der Partei gegen die Einflüsse der neuen Wirtschaftspolitik wie auch im Interesse der Steigerung   ihrer  Kampffähigkeit   auf allen  Arbeitsgebieten  ein ernster Wechsel des Parteikurses erforderlich ist, und zwar in der Richtung der wirklichen und systematischen Durchführung der Prinzipien der Arbeiterdemokratie.«
("Die Linke Opposition", Westberlin 1976, Resolution  des ZK und der Zentralen Kontrollkommission der KP Russland, Über den Parteiaufbau, S. 2.258)

Also noch nicht mal zwei Legislaturperioden, denn 1917 wurde ja gewählt, von Diktatur kann man da wirklich nicht reden.

Wir empfehlen den Kritikern der russischen Revolution doch auch mal neutrale Beobachter zu lesen wie Viktor Serge „10 Tage, die die Welt erschütterten“ (mit Bildern). Ernst sieht auch, dass es jetzt mit dem kapitalistischen System zu Ende geht, was glaubt er, wie die Alternative aussehen wird. Also, da wären wir bei der wichtigsten Frage aller Fragen. Obwohl bis jetzt keine Revolution möglich war, wie soll das dann gerade jetzt noch auf den letzten Metern passieren?

In meinem Buch „Geschichte und Logik der Arbeiterräte“ (E-Book 1 €) habe ich nachgewiesen, dass bei jeder Revolution betriebliche und überregionale basisdemokratische Arbeiterräte automatisch entstanden, einfach, weil das sich aus dem betrieblichen Kampf ergibt.

Wenn der Inhaber eines Betriebes ihn ins Ausland verlagern will und es gibt absolut keine anderen Arbeitsplätze mehr wie 2001 in Argentinien, dann besetzen oft die Kollegen den Betrieb und wählen einen Streikrat.

Auf Betriebsversammlungen stimmen sie über die Betriebspolitik dann ab, die der Streikrat umsetzen muss.

Also gibt es die Demokratie bei Arbeiterübernahmen in den Betrieben schon automatisch, wenn der Chef weg ist. Lenin sagt »Die Arbeiterklasse ist instinktiv und spontan sozialdemokratisch, und die mehr als zehnjährige Arbeit der Sozialdemokratie hat schon sehr, sehr viel dazu beigetragen, diese spontane in eine bewusste Einstellung zu verwandeln.“ (Lenin, Über die Reorganisation der Partei, Werke Bd. 10, S. 16)

Wie selbstverständlich wird das gleiche dann auch bei dem höher liegenden Gremium  gemacht bis hoch zum nationalen Arbeiterrat und übernationalen Parlament bzw, dem Rat der Volkskommissare. Die Wähler entscheiden immer und die Delegierten müssen das ausführen. Das ist wirkliche Demokratie, nicht wie bei uns, wo immer nur die Reichen entscheiden und der Wähler ist immer der Verarschte.

Vor einer Entscheidung hört man lädt man sich Abgeordnete mit gegenläufigen Haltungen ein, vielleicht haben die ja bessere Argumente. Demokratie kostet mehr Zeit, aber wir haben ja auch keinen Zwang zum Wachstum wie der Kapitalismus, der seinen eigenen Zwang nicht mehr einlösen, nie mehr.
Wir brauchen niemandem ein Ohr abkauen, die Betriebsbesetzungen laufen automatisch ab. Es gibt schon in 16 Ländern mehrere Tausend selbstverwaltete Betriebe mit weit über 100.000 Arbeiterinnen und Arbeiter. Sie alle haben schon einen Rat, der nach den 3 Prinzipien der Commune 1872 funktioniert, wie sie sie Karl Marx in „Der Bürgerkrieg in Frankreich“ beschrieben hat. (siehe Norbert Nelte: Was ist marxistischer Sozialismus?)

  1. Jederzeitige Abwählbarkeit.
  2. Durchschnittlicher Facharbeiterlohn (Ingenieur)
  3. Die Abgeordneten sind an den Wählerbeschluss gebunden.

Natürlich wäre es besser, in Deutschland gäbe es auch eine starke Arbeiterbewegung, denn in der Finanzkrise wird es noch viele Selbstmorde und andere Tote geben und eine starke Arbeiterklasse könnte dem entgegenarbeiten.

Die größte Selbstverwaltungsbewegung gibt es mit 372 Betrieben und 61.000 Arbeitern in Argentinien. Die PTS ist schon eine Massenpartei, die diese Bewegung unterstützt. In Frankreich, Brasilien und Griechenland gibt es noch starke Bewegungen. Wenn jetzt der Supercrash kommt, werden sie sich alle verhundertfachen. Die Schwesterorganistion der PTS ist „Klasse gegen Klasse“. Je stärker sie ist, umso schneller wird sich die Bewegung nach Deutschland übertragen.

Wir müssen nur die Arbeiterklasse als Weltarbeiterklasse verstehen und dann haben wir schon gut 2 Schritte in die Revolution hinein unternommen. Für mich ist das gar nichts, mit meiner Kopfmaus zur PTS im Internet zu gehen, da brauch ich noch nicht mal einen Finger krumm machen, aber für die Menschheit ist das ein Riesenschritt in ihre eigene Geschichte hinein.

Norbert Nelte
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